Zwischen Plan und Praxis: Wie bei T!Raum aus Herausforderungen Innovationen entstehen : Datum:
Lernmomente sind ein wesentlicher Motor der Programmlinie T!Raum des Programms „Innovation & Strukturwandel“ des BMFTR. Hier geht es nicht nur darum, gute Ideen aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen in die Regionen zu tragen, hier wird ausprobiert, verworfen, neu zusammengesetzt und immer wieder nachgeschärft, damit Transfer vor Ort gelingt.
Genau diese Momente möchten wir vorstellen und haben deshalb die T!Raum-Initiativen gebeten, von ihrem Tun zu berichten. Statt glatter Erfolgsgeschichten stehen Situationen im Mittelpunkt, in denen etwas nicht wie geplant funktioniert hat und gerade dadurch ein wichtiger Entwicklungssprung möglich wurde. Oft waren diese Momente unbequem und fordernd, aber fast durchgängig wurden sie als notwendig, produktiv und richtungsweisend beschrieben. Die Initiativen haben diese Unsicherheit nicht als Scheitern verbucht, sondern als konsequenten Teil eines experimentellen Prozesses verstanden.
Die folgenden Geschichten zeigen diese Momente und wie daraus Schritt für Schritt Strukturen für Innovation und Strukturwandel in ganz Deutschland entstehen.
Ein großes Dankeschön: Wir danken allen T!Raum‑Initiativen für das Vertrauen und die Bereitschaft, ihre Lernmomente offen mit uns zu teilen und damit andere auf ihrem Weg zu inspirieren.
Und nun: Lesen Sie selbst…
T!Raum-Initiative TCALL in Bremen
Transfer im Ausnahmezustand: Wie TCALL Innovation an den Pflegealltag anpasst
Die T!Raum-Initiative TCALL ist in Bremen angesiedelt und im Bereich der Langzeitpflege verortet. Thematisch zielt das Projekt auf die Entwicklung und Erprobung Akademischer Lehrpflegeeinrichtungen als strukturelles Modell zur Verzahnung von Pflegeforschung, Lehre und Versorgungspraxis.
Ziel ist der Aufbau nachhaltiger Transferstrukturen und -formate, die wissenschaftliche Erkenntnisse in die Versorgungspraxis und gleichzeitig Erfahrungen aus der Praxis in Forschung und Entwicklung zurückführen. Langfristig sollen diese Strukturen über die Region Bremen hinaus übertragen werden.
Transfer funktioniert nur im Takt des Pflegealltags
In der ersten Förderphase von TCALL wurde schnell klar, dass Transfer in der Langzeitpflege nicht im luftleeren Raum stattfindet, sondern mitten im fordernden Arbeitsalltag. Viele Einrichtungen arbeiten an ihrer Kapazitätsgrenze, Veränderungsmöglichkeiten sind überschaubar, die digitale Infrastruktur ist oft lückenhaft oder wird im Alltag kaum genutzt. Dazu kommen unterschiedliche Startbedingungen, denn was in der einen Einrichtung gut funktioniert, ist in der anderen noch weit weg von der Realität.
Der vielleicht wichtigste Lernmoment bestand in der Bestätigung einer zentralen Annahme des Projekts: Transfer verläuft nicht linear. Deshalb wurde insbesondere im Teilprojekt DELI von Beginn an ein Design-Based-Research-Ansatz verfolgt, der auf iterative Entwicklung, Erprobung und Evaluation setzt. Die praktische Umsetzung hat diesen Ansatz bestätigt. Neue Konzepte ließen sich nicht einfach „ausrollen“, sondern mussten fortlaufend erprobt, reflektiert und an die Gegebenheiten in den Einrichtungen angepasst werden. Die enge Zusammenarbeit von Planung, Umsetzung und kontinuierlicher Weiterentwicklung war dabei der entscheidende Erfolgsfaktor.
Aus diesem Lernmoment hat TCALL konkrete Konsequenzen gezogen. Um die begrenzten Ressourcen in den Einrichtungen zu schützen, wurde ein Gatekeeping-System eingeführt. Aktivitäten werden gezielt priorisiert, statt alles gleichzeitig anzustoßen. Leitungskräfte und Organisationsentwicklung wurden viel stärker eingebunden, etwa durch Coachings und engere Abstimmungsprozesse. So wird Veränderung nicht „on top“ erwartet, sondern in Strukturen verankert, die Entscheidungen tragen und den Alltag mit im Blick haben.
Auch bei den Lernangeboten hat die praktische Umsetzung zur Weiterentwicklung des ursprünglich geplanten Konzepts beigetragen. Bereits im DELI-Teilprojekt war vorgesehen, digitale Transferformate mit Lerninseln als arbeitsplatznahe Lernorte zu ergänzen. Im Projektverlauf zeigte sich jedoch, dass viele Langzeitpflegeeinrichtungen für eine überwiegend digitale Nutzung noch nicht ausreichend aufgestellt waren. Deshalb wurden die ursprünglich digital geplanten Transferformate zunächst verstärkt in analogen, alltagsnahen Formaten umgesetzt. Dazu gehören beispielsweise die One-Minute-Wonders, die sich unkompliziert in Pausen oder kurzen Zwischenzeiten nutzen lassen. Über QR-Codes können die Lerninhalte dennoch flexibel digital vertieft werden.
Dieser Lernmoment ist für TCALL zentral, weil er deutlich machte, dass wirksamer Transfer in der Langzeitpflege Zeit, Begleitung und konsequente Orientierung an der Arbeitsrealität braucht. Langfristige Entwicklungsprozesse, unterstützt durch Transformations- und Innovationsagent:innen (TIAs) und arbeitsplatznahe Lernangebote, sind kein „Nice-to-have“, sondern die Voraussetzung dafür, dass Innovationen wirklich im Alltag ankommen und dort bleiben.
T!Raum-Initiative Inno!Nord
Energiewende an der Nord- und Ostsee: Inno!Nord entdeckt das gemeinsame Tüfteln
Ganz im Norden, zwischen Nord- und Ostsee, arbeitet die T!Raum-Initiative Inno!Nord an der Transformation der Energieversorgung. Es geht um eine zentrale Frage, wie sich überschüssige erneuerbare Energie so speichern lässt, dass sie Menschen und Unternehmen vor Ort wirklich nützt. Statt nur Konzepte zu entwickeln, setzt Inno!Nord auf erlebbare Demonstratoren, anschauliche Beispiele und Modelle, mit denen verschiedene Zielgruppen die unterschiedlichen Möglichkeiten von Energiespeicherung verstehen und ausprobieren können.
In den Werkstattprojekten entwickeln die Projektpartner dazu gemeinsam neue Transferformate, erproben sie und passen sie strukturell und inhaltlich an die Bedürfnisse der Energiewende im Norden an.
Vom fertigen Exponat zum gemeinsamen Demonstrator
Ursprünglich war geplant, die Demonstratoren im Projektteam zu konzipieren, zu bauen und dann „fertig“ in den Transfer zu geben. Die Erfahrung zeigte jedoch schnell: So funktioniert es nicht. Was aus Expertensicht logisch und gut geplant war, kam bei den Transferpartnern, ob Unternehmen, Kommunen oder Bildungseinrichtungen, nicht immer so an wie gedacht. Manche Dinge blieben zu abstrakt, zu wenig greifbar oder gingen schlicht an der Lebensrealität vorbei.
Aus dementsprechenden Feedback der Partner ist ein anderer Ansatz entstanden. Demonstratoren werden heute gemeinsam mit den Transferpartnern entwickelt. Inno!Nord hat bewusst die Perspektive gewechselt, weg von „wir liefern ein fertiges Produkt“ hin zu „wir bauen gemeinsam etwas, das wirklich hilft“. Dabei spielt beispielsweise das Thema Haptik eine große Rolle. Modelle, die man anfassen, auseinandernehmen, ausprobieren kann, schaffen ein ganz anderes Verständnis als nur das Betrachten eines Demonstrators in Aktion. Rückmeldungen aus der Praxis fließen laufend in die Weiterentwicklung ein. Die Demonstratoren haben sich so über mehrere Schleifen hinweg „evolutionär“ verändert, hin zu Formaten, die verständlicher sind und die unterschiedlichen Zielgruppen deutlich besser erreichen.
Parallel dazu hat Inno!Nord auch die eigene Projektstruktur kritisch beleuchtet. Das Lenkungsgremium ist mit rund 14 Personen groß und braucht viel Zeit für Abstimmung und Diskussion. Die Versuchung, diesen Kreis zu verkleinern, war da, gerade weil viele Beteiligte noch andere Aufgaben in Hochschule und Partnereinrichtungen haben. Am Ende hat sich das Team bewusst dagegen entschieden: Die Vielfalt der Perspektiven, der fachliche Austausch und das gemeinsame Ringen um gute Lösungen wurden als wichtiger gewertet als eine vermeintlich effizientere, aber schmalere Struktur. Heute trifft sich das Team wöchentlich an der Hochschule und etwa alle sechs Wochen im Gesamtkreis. Eine klare Entscheidung für Beteiligung statt Vereinfachung um jeden Preis.
Die Frage nach der personellen Stärke stellte sich übrigens auch noch an anderer Stelle in der Initiative. Die Projektpartner stellten fest, dass sich die Zusammenarbeit mit Schulen als deutlich zeitintensiver und herausfordernder gestaltete als erwartet. Die Frage, ob das Projekt hier personell zu knapp aufgestellt ist, lag auf der Hand. Inno!Nord will sich deshalb künftig mit einem eigenen Werkstattprojekt gemeinsam mit dem Projektpartner Phänomenta gezielt besser aufstellen, um Bildungsarbeit zur Energiewende langfristig und professionell zu verankern.
All diese Lernmomente sind für Inno!Nord zentral, weil verdeutlichen, dass echter Transfer im Dialog und mit ausreichend Zeit, vielen Perspektiven und der Bereitschaft, gemeinsam am Demonstrator, an der Struktur und am eigenen Rollenverständnis zu feilen, entsteht.
T!Raum-Initiative #MOIN AiSchiff
Im Projekt AiSchiff der T!Raum-Initiative #MOIN zur Automatisierung in der Schifffahrt arbeiten die Beteiligten mitten im maritimen Alltag im Raum Bremen/Bremerhaven. Ein kommerziell genutztes Schiff soll so aufgerüstet werden, dass monotone oder wiederkehrende Fahrten, wie etwa von Schleppern, künftig automatisiert oder teilautonom unterstützt werden können. Herzstück ist ein Navigations-Assistenzsystem, das über Sensorik und Steuersoftware in den laufenden Betrieb eingebunden wird. Geplant war, genau dieses System als Demonstrator an einem realen Schiff auf Messen, in Ausstellungen oder bei Rundgängen sichtbar zu machen, wie praxistauglich die entwickelte Technologie ist.
Wenn das Testschiff plötzlich weg ist
Der zentrale Lernmoment kam abrupt, denn einer der assoziierten Praxispartner zog sich zurück und mit ihm das Testschiff, auf dem das System ursprünglich installiert und erprobt werden sollte. Gleichzeitig wurde deutlich, wie sensibel Eingriffe in den realen Schiffsbetrieb sind. Selbst im Testbetrieb war es für den Partner nicht verantwortbar, ein Autonomie-System in die laufenden Abläufe eingreifen zu lassen. Die ursprüngliche Herangehensweise der Projektpartner, nämlich von Anfang an konsequent auf einen konkreten Demonstrator im realen Einsatz zu setzen, war so nicht mehr haltbar.
Das Team hat daraufhin seinen Ansatz neugestaltet. Das System wurde so weiterentwickelt, dass es möglichst unabhängig von einem einzelnen Testschiff entsteht. Die Funktionalität des Assistenzsystems blieb das Ziel, aber der Weg dahin wurde etwa durch modulare Entwicklungsschritte und schiffsunabhängige Testmöglichkeiten flexibler gestaltet. Parallel dazu startete die Suche nach einem neuen Praxispartner.
Statt die Projektziele aufzugeben, wurde die Entwicklung des Assistenzsystems dank dieser Lernprozesse so angepasst, dass sie auch unter veränderten Rahmenbedingungen weiterverfolgt werden kann. Für die Zukunft haben die Beteiligten zudem eine konkrete Konsequenz gezogen: Geplante Tests und notwendige Eingriffe in den Schiffsbetrieb werden mit potenziellen Partnern deutlich detaillierter und verständlicher vorab besprochen. Offene Kommunikation über Chancen, Risiken und konkrete Testabläufe soll dazu beitragen, Vertrauen zu stärken und Kooperationen belastbarer zu machen. Damit Innovation auf dem Wasser nicht an Missverständnissen im Maschinenraum scheitert.
T!Raum-Initiative transPORT
Die T!Raum-Initiative transPORT (Transfer-HAFEN Magdeburg) ist im Magdeburger Wissenschaftshafen lokalisiert und vereint im Bereich der Medizintechnik vielfältige Kompetenzen aus Wissenschaft, Wirtschaft und öffentlichen Einrichtungen. In zahlreichen Werkstattprojekten werden in enger Zusammenarbeit der interdisziplinären Bündnispartner innovative Transferkonzepte erarbeitet und umgesetzt.
Die Initiative will ein medizintechnisches Hightech-Ökozentrum mit (inter-)nationaler Sogwirkung in der strukturschwachen Region Sachsen-Anhalt etablieren. Darüber hinaus werden die medizintechnischen Ergebnisse nachhaltig in das deutsche Gesundheitssystem übertragen.
transPOTENTIAL: Formate wachsen mit den Menschen
Das Werkstattprojekt transPOTENTIAL hat die Mission, junge Talente aus ganz unterschiedlichen Fächern mit Generationsforen, studentischen Unternehmensberatungen, Talentvermittlung und neuen Weiterbildungsformaten für die Region zu gewinnen und zu halten. Ziel ist ein lebendiger Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft, der Abwanderung vorbeugt und Perspektiven vor Ort schafft.
Der Lernmoment: Im Projekt wurde deutlich, dass Formate nicht auf dem Papier entstehen, sondern mit den Menschen, die daran beteiligt sind. Unterschiedliche Perspektiven, Netzwerke und Nähe zu bestimmten Communities haben im Verlauf der Umsetzung Konzepte spürbar verändert. Das ursprünglich geplante Format der studentischen Unternehmensberatung fand beispielsweise bei ansässigen Start-ups kaum Anklang. Statt daran festzuhalten, wurde das Angebot konsequent an andere Bedarfe und Themen in der Region angepasst. Die Werkstatt hat damit gelernt, Formate von Beginn an als lebendige Prototypen zu denken und nicht als fertige Produkte.
transFORM: MedTech-Netzwerke selbst gebaut
Das Werkstattprojekt transFORM will den Wissenschaftshafen zu einem national und international sichtbaren Medizintechnikstandort entwickeln. Im Fokus stehen bessere Zusammenarbeit verschiedener Akteure, Unterstützung von Gründungen und starke Netzwerke. Dafür werden unter anderem Kaminabende, große Events und gezielte Matchingformate zwischen Start-ups, Investoren und etablierten Unternehmen, durchgeführt.
Der Lernmoment: Die Werkstatt musste erfahren, was passiert, wenn zentrale Partner und Akzeleratoren, auf die man gesetzt hatte, plötzlich nicht wie geplant zur Verfügung stehen. Statt auf bestehende Strukturen zurückgreifen zu können, musste transFORM eigene Wege gehen, so zum Beispiel einen eigenen Funnel in Form eines neuen physischen Transferraums aufbauen und ein eigenes Netzwerk an MedTech-Start-ups knüpfen, um deren Bedarfe direkt zu erfassen. Bereits in einer frühen Phase der Werkstatt sind auf diese Weise belastbare Netzwerke entstanden, die unabhängig von etablierten Strukturen funktionieren und damit langfristig tragfähiger sein können.
transSCAPE: Kreative Ideen in gezielte Formate übersetzen
transSCAPE macht den Wissenschaftshafen in Magdeburg zum „kulturellen Raum des Wissens“. Das Werkstattprojekt verbindet Kultur, Medizin und Technik, um den Stadtteil als offenen Wissensort zu beleben. Ziel ist es, den Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und der Stadtgesellschaft anzuregen und Menschen mit sehr unterschiedlichen Interessen aktiv an der Gestaltung des Viertels zu beteiligen.
Der Lernmoment: transSCAPE hat erfahren, dass viele Ideen nicht automatisch viele umsetzbare Formate bedeuten. Gerade bei Mikro-Projekten zeigte sich, dass klare Ziele und Zeitstrukturen unverzichtbar sind. Gleichzeitig lief die Abstimmung im eigenen Team gut, während der Austausch über Institutionsgrenzen hinweg deutlich komplexer war. Ein wichtiges Fazit war deshalb, dass Transferexpertise oft erst im Tun entsteht. Sie wird im Laufe des Projekts aufgebaut und muss dann parallel in die Weiterentwicklung weiterer Formate einfließen. Das hat die Werkstatt dazu gebracht, konsequenter zu priorisieren und Formate entlang ihrer Wirksamkeit und Umsetzbarkeit zu schärfen.
transDIGITAL: Vom Techniktraum zum nutzerorientierten digitalen Zwilling
Das Werkstattprojekt transDIGITAL übersetzt den Wissenschaftshafen in einen virtuellen Raum. Ein Digitaler Zwilling macht Gebäude, Infrastrukturen, Abläufe und Angebote digital erlebbar. So sollten Services, Wissen und Vernetzungsmöglichkeiten aus dem Quartier weit über Magdeburg hinaus zugänglich gemacht werden.
Der Lernmoment: Zu Beginn lag der Fokus stark auf der technischen Seite, auch verbunden mit dem Anspruch, einen möglichst „allumfassenden“ digitalen Zwilling zu entwickeln. Im Projektverlauf wurde aber deutlich, dass Technologie allein nicht trägt, wenn der konkrete Nutzen für die Menschen nicht klar ist. Die Werkstatt hat daraus die Konsequenz gezogen, sich viel stärker an spezifischen Anwendungsbedarfen der Endnutzer zu orientieren. Sie findet nun Antworten auf Fragen wie: Welche Informationen brauchen Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen oder Gäste tatsächlich? Welche digitalen Angebote werden wirklich genutzt? Aus einem technikgetriebenen Ansatz ist so Schritt für Schritt ein nutzungsorientierter geworden.