Eine Frage – vier Antworten : Datum:
Tradition bewahren und Innovation fördern, das klingt (zunächst) nach einem Spagat. Wir haben vier WIR!-Bündnisse aus dem Handwerk befragt, wie sie mit der Herausforderung umgehen. Dass keiner der Befragten Tradition und Innovation als Widerspruch bezeichnet hat, war dabei weniger verwunderlich. Richtig überraschend und sehr lesenswert ist aber, wie vielseitig die Bündnisse agieren, um aus einer stimmigen Abwägung zwischen Beständigkeit und Fortschritt ihre Erfolgsrezepte zu entwickeln.
Sven Börjesson vom WIR!-Bündnis Go-Lehm leitet das Umwelt- und Transferzentrum der Handwerkskammer zu Leipzig und ist zugleich Beauftragter für Innovation und Technologie. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen auf nachhaltigem Bauen, Energieeffizienz und der Nutzung erneuerbarer Ressourcen. Er unterstützt Handwerksbetriebe gezielt dabei, praktikable Lösungen für eine zukunftsfähige und ressourcenschonende Wirtschaft zu entwickeln.
„Tradition und Innovation sind im Handwerk kein Widerspruch, sondern seit je zwei Seiten einer Medaille. Das Handwerk steht traditionell für Qualität, Beständigkeit, soziale Verantwortung und regionale Verwurzelung. Durch das Aufgreifen aktueller Entwicklungen wird sichergestellt, dass keine Stagnation in den Unternehmen Einzug hält. Hierbei werden die Handwerksbetriebe durch das deutschlandweite Netzwerk der Beratungsstellen für Innovation und Technologie (BIT) gezielt unterstützt.
So haben wir als Handwerkskammer zu Leipzig zum Beispiel den Masterstudiengang zum Restaurator im Handwerk nach langer Pause wieder aktiviert. Dieser befördert sowohl die Bewahrung historischer Handwerkstechniken als auch den Einsatz modernster Technologien im Handwerk. Ein weiteres Bildungsangebot, das an der Schnittstelle zwischen Innovation und Tradition wirken soll, werden wir gemeinsam mit dem Dachverband Lehm im GOLEHM-Bündnis entwickeln. Der geplante Lehrgang Sanierung von Massivlehmbauten vermittelt praxisnahes Wissen und befähigt Fachkräfte, historische Bausubstanz materialgerecht zu erhalten. Zugleich fließen neueste Forschungsergebnisse ein, die im GOLEHM-Bündnis von weiteren Partnern erarbeitet wurden. Der Kurs trägt durch den Erhalt historischer Bausubstanz sowohl zur Bewahrung unseres kulturellen Erbes als auch zu einem nachhaltigeren Bauen bei. Und auch hier zeigt sich wieder: Die Verbindung von Tradition und Innovation ist typisch für das Handwerk und der Leitsatz der GOLEHM-Initiative für Lehmbau und nachhaltige Kreislaufwirtschaft.“
Diplom-Forstingenieur Prof. Erik Findeisen ist Sprecher des WIR-Bündnisses Holz-21-regio und verantwortet das Lehrgebiet Waldarbeit/Forsttechnik/Forstnutzung an der Fakultät Landschaftsarchitektur, Gartenbau und Forst der Fachhochschule Erfurt. In seiner Rolle als Bündnissprecher koordiniert er gleichzeitig das strategische Innovations- und Forschungsmanagement und verknüpft wissenschaftliche Partner mit Wirtschaftsakteuren, um den Strukturwandel in der Thüringer Waldregion voranzutreiben.
„‚Tradition bewahren und Innovation fördern‘ ist beim WIR!-Bündnis ‚Holz-21-regio‘ kein Spagat, sondern unsere Grundhaltung. Die Traditionen des Lebens im Thüringer Wald verbinden Rohstoffveredelung mit Naturraumerhaltung und Tourismus – nicht ohne Grund wird die Region das ‚Grüne Herz Deutschlands‘ genannt. Den Bündnismitgliedern ist klar, dass die Wiederbelebung des vielfältigen gesellschaftlichen Lebens in der Region – auch Strukturwandel genannt – nur auf der Basis einer werteerzeugenden regionalen Wirtschaft funktionieren kann. Dabei dreht sich alles um den wichtigsten Rohstoff der Region – das Holz aus nachhaltiger, multifunktionaler Forstwirtschaft.
Die entstehenden Produkte, Technologien und Dienstleistungen müssen auf Innovationen basieren, wenn sie am Markt erfolgreich sein sollen. Deshalb treiben wir in unseren Forschungsprojekten aktiv technologische Entwicklungen voran: vom klima-resilienten Waldumbau bis zum modernen Holzbau werden traditionelle Verfahren durch intelligente Robotik und automatisierte Systeme weiterentwickelt und zukunftsfähig gemacht. Roboter für die Pflanzung und Pflege junger Bäume im Wald ermöglichen eine zügige angepasste Waldbegründung. Zur Inwertsetzung des Holzes als Baustoff der Zukunft werden regionale Brettsperrholzmodule, digitale Fertigungsmethoden und nachhaltige Qualitätssicherungssysteme entwickelt. So verknüpfen wir bewährtes Wissen über Wald und Holz mit digitaler Präzision, High-Tech und neuen Märkten. Dieser Ansatz erlaubt es uns, die regionale Wertschöpfung zu stärken, Arbeitsplätze in strukturschwachen Bereichen zu schaffen und gleichzeitig den Wald langfristig zu erhalten. Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Gesellschaft wächst eine Innovationskultur, die nicht die Vergangenheit ersetzt, sondern sie zum Quell neuer Perspektiven macht.“
Holger Schiema ist Sprecher des WIR!-Bündnisses I-Ma-Tech. Nach vielen beruflichen Stationen rund um das Thema Akustik ist der Diplom-Ingenieur seit 2020 Geschäftsführer des Instituts für Musikinstrumentenbau (IfM) e.V. im sächsischen Zwota.
„Die vogtländische Region um Markneukirchen und Klingenthal wird auch als Musikwinkel bezeichnet, da hier ein weltweit einzigartiger Schwerpunktstandort des Musikinstrumentenbaus zu finden ist. Mit über 126 Werkstätten und ca. 1.400 Beschäftigten in der Branche darf sich die Region selbstbewusst ‚Zentrum des deutschen Orchesterinstrumentenbaus‘ nennen.
Die wesentlichen Herausforderungen für den Musikinstrumentenbau sind das Fehlen von ausgebildeten Fach- und Arbeitskräften in der Region, die Digitalisierung im Handwerk und die Sicherstellung der Materialversorgung für den Musikinstrumentenbau. Für diese Herausforderungen konnte das WIR!-Bündnis „I-Ma-Tech“ in den letzten Jahren gemeinsam mit den Bündnispartnern erfolgreiche Konzepte und Lösungen erarbeiten. Das traditionelle Handwerk konnte beispielsweise mit modifizierten einheimischen Hölzern als Ersatz für Tropenhölzer im Streich- und Holzblasinstrumentenbau sowie alternativen blei- und nickelfreien Bundmetalllegierungen für den Metallblasinstrumentenbau unterstützt werden. Konzepte zur Fachkräftesicherung in Verbindung mit dem Einzug digitaler Messtechnik im Produktionsprozess helfen dem Musikinstrumentenbau.
Besonders im traditionellen Handwerk sind Innovationen mit Bedacht einzuführen, da nicht jede Neuerung auf Akzeptanz stößt. Ohne Innovationen steht allerdings auch das Handwerk zunehmend unter Druck. Wir als Bündnis „I-Ma-Tech“ sind stolz, gemeinsame Schritte für einen gestärkten Musikinstrumentenbau zu gehen.“
Jens-Torsten Jacob ist Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Region Meißen und Bündnissprecher des WIR!-Bündnisses Inno‑Handwerk. Außerdem leitet er die Innovationsakademie des Handwerks der Elberegion Meißen e.V. als Vorsitzender. Diese Akademie wurde im Rahmen des WIR-Bündnisses am 14. Juni 2022 gegründet.
„Das WIR-Bündnis ‚Inno-Handwerk‘ in der Elberegion Meißen zeigt, dass Tradition und Fortschritt keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig befruchten. Es versteht das kulturelle Erbe des Handwerks als Fundament, auf dem neue Ideen wachsen können. Alte Techniken und Werte werden nicht verdrängt, sondern bewusst bewahrt – etwa durch Projekte im Denkmalschutz oder die Pflege regionaler Handwerkskunst. Gleichzeitig öffnet sich das Bündnis modernen Technologien, neuen Materialien und kreativen Bildungsformaten.
In der offenen Werkstatt und auf dem ‚Rittergut‘ in Riesa wird dieser Ansatz sichtbar: So dient ein historisches Gebäude als Experimentierfeld, in dem Forschen, Wohnen, Arbeiten und Lernen zusammengeführt werden. Dadurch entsteht ein Raum, in dem Tradition lebendig bleibt und Innovation praktisch erprobt werden kann. Das Bündnis arbeitet eng mit Hochschulen, Bildungs- und Forschungseinrichtungen aus der Region und den Oberzentren zusammen. Diese Kooperationen bringen innovative Erkenntnisse und aktuelles Fachwissen in das Handwerk. Gemeinsam eröffnen wir damit neue Perspektiven – von Energietechnik, Optimierung von Arbeitsprozessen, über robotische Anwendungen bis hin zu nachhaltigen Geschäftsmodellen.
Besonderes Augenmerk liegt auf der Nachwuchsförderung: Junge Menschen sollen erleben, dass Handwerk nicht nur Bewahrung, sondern auch Gestaltung der Zukunft bedeutet. Damit wird das Handwerk in Meißen zu einem Motor regionaler Entwicklung, der Vergangenheit und Zukunft miteinander verbindet.“