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Kommunen stärken durch Dialog und Beteiligung

In Zeitz, einer kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt, hat sich die Einwohnerzahl innerhalb von 30 Jahren halbiert. 20.000 Arbeitsplätze sind verloren gegangen. Ein Projektteam der T!Raum-Initiative HKS der Universität Leipzig will dennoch Perspektiven aufzeigen.

Vorsichtige Annäherung: Die leerstehende Bluebox in Zeitz hat die Türen geöffnet, Anwohnerinnen und Anwohner sind zum Austausch über eine neue Nutzung eingeladen. 
Vorsichtige Annäherung: Die leerstehende Bluebox in Zeitz hat die Türen geöffnet, Anwohnerinnen und Anwohner sind zum Austausch über eine neue Nutzung eingeladen. © Petra Dahl, PRpetuum GmbH

„Also, ich hätte hier gerne ein Schwimmbecken“, sagt ein Zeitzer und deutet auf den leeren Raum in der Bluebox, die heute ihre Türen geöffnet hat. Die Bluebox ist ein gläsernes Gebäude, das anlässlich der Landesgartenschau 2004 auf dem zentralen Schützenplatz in Zeitz errichtet worden war und seitdem leer steht. Studentinnen und Studenten der Universität Leipzig haben Kuchenbleche und Thermoskannen mit Kaffee aufgebaut und die Nachbarschaft zur Anwohner:innen-Versammlung eingeladen. Gemeinsam wollen sie über die künftige Nutzung der Bluebox reden. Der Zeitzer Verein „Zwürfel“ e.V., der die Bluebox vor einigen Jahren gekauft und so vor dem Abriss bewahrt hat, war auf das Projektteam der Leipziger Universität zugekommen, um gemeinsam mit Zeitzerinnen und Zeitzern eine Nutzungsstrategie zu entwickeln. Das Projekt nennt sich „Transfer durch Kokreation“. Im Rahmen einer Kooperation sind auch Innenarchitektur-Studierende der Burg Giebichenstein aus Halle an dem kreativen Prozess beteiligt. Sie haben Pläne und Modelle für einen möglichen Umbau der Bluebox erstellt.

Raum für Ideen: Der Zeitzer Schützenplatz mit der leerstehenden Bluebox hat großes Potenzial für ein interessanteres Stadtleben.
Raum für Ideen: Der Zeitzer Schützenplatz mit der leerstehenden Bluebox hat großes Potenzial für ein interessanteres Stadtleben. © Petra Dahl, PRpetuum GmbH

Menschen mitnehmen

Für ein Schwimmbecken ist der Raum wohl zu klein, aber eine Kletterwand wäre denkbar, denn das Gebäude ist acht Meter hoch. Auch ein Café würde gut hierher passen. Oder ein Freiluftkino, wie es die Leipziger Kulturwissenschaftler für ihren Aktionssommer in Zeitz geplant haben. „Die Idee hinter dem von uns organisierten Aktionssommer ist, dass wir die Bluebox einer neuen Nutzung zuführen wollen, die im Einklang mit der Nachbarschaft ist“, erläutert Stefan Scheel, einer der Projektmitarbeitenden. „Wir wollen vor allem die junge Generation und Menschen mit Migrationshintergrund erreichen, die sonst keinen Ort in der Stadt haben, an dem sie sich treffen können.“ Dafür haben die Leipziger in den umliegenden Häusern geklingelt, haben viele Menschen angesprochen und Flyer verteilt. 

Der Zeitzer Aktionssommer ist ein Projekt der T!Raum-Initiative „Handlungskompetenz in Kommunen stärken“ (HKS), das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert wird. Die Initiative will Menschen motivieren, sich zu engagieren und zu beteiligen, miteinander ins Gespräch zu kommen, Verständnis füreinander zu entwickeln und gemeinsam Lösungen zu finden, mit der Kommunen lebenswerter werden. 

Abgehängt heißt nicht perspektivlos

Genau das ist auch der Plan in Zeitz. Und warum ausgerechnet hier? „Zeitz ist idealtypisch für abgehängte Mittelstädte in Ostdeutschland. Hier sind die sozioökonomischen Bedingungen wie Arbeitslosigkeit und Bevölkerungsrückgang so zugespitzt, wie man sie in anderen Orten nicht so sieht“, erklärt Stefan Scheel. Die Wiederbelebung der leerstehenden Bluebox würde zwar nicht die gesamte Stadt verändern, aber die Umgebung rund um den Zeitzer Schützenplatz aufwerten. Junge Menschen könnten hier einen Treffpunkt finden, denn der letzte Jugendklub der Stadt ist schon seit Jahren geschlossen. 

Etwas mehr als 20 Menschen aus der Nachbarschaft haben vor der Bluebox Platz genommen. Sie sind überwiegend älter und zunächst sehr skeptisch: „Wie wollt Ihr denn hier was ändern?“ Einige sind aufgebracht, erzählen von randalierenden Jugendlichen, die sie nachts um den Schlaf bringen. Die Leipziger hören zu und bleiben ruhig. „Unsere Erfahrung ist: Wenn die Leute den Raum bekommen, ihren Missmut mal zum Ausdruck zu bringen, dann kommen danach auch konstruktive und positive Vorschläge“, weiß Stefan Scheel. Genauso ist es auch auf dem Zeitzer Schützenplatz. Als die Wogen geglättet sind, kommen die Menschen ins Gespräch – miteinander und mit dem Projektteam aus Leipzig. Die Idee für den Aktionssommer finden sie gut: „Als Zeitzerin sage ich: Macht einfach mal“, ruft eine der Besucherinnen zum Abschluss in die Runde. 

Jung und zurückhaltend

Vor allem junge Menschen will das Leipziger Team vom T!Raum HKS mit dem Zeitzer Aktionssommer zum Mitmachen bewegen. Unter anderem mit einem Handwerken-Workshop, der ihnen die Gelegenheit bietet, sich im Möbelbau auszuprobieren. 

Der Handwerken-Workshop für junge Menschen ist Teil des Aktionssommers an der Bluebox in Zeitz. Nathalie Kahl (rechts) und Sophie Mastylo bauen hier eine Holzbank.
Der Handwerken-Workshop für junge Menschen ist Teil des Aktionssommers an der Bluebox in Zeitz. Nathalie Kahl (rechts) und Sophie Mastylo bauen hier eine Holzbank. © Petra Dahl, PRpetuum GmbH

Am Anfang des Aktionssommers sind die Reaktionen noch verhalten: „Anders als wir uns das erhofft hatten, haben junge Zeitzerinnen und Zeitzer nicht so richtig mitgemacht und an Veranstaltungen teilgenommen. Es gab noch Berührungsängste“, resümiert Stefan Scheel den Start des Projekts. Doch schon ein paar Wochen später sind mehr junge Menschen gekommen. Ukrainische Jugendliche haben einen Filmabend organisiert. Außerdem ist zum Ende der Veranstaltungsreihe eine Musik-Session für junge Menschen mit Graffiti-Wettbewerb und gemeinsamer Diskussion geplant. Städtische Vereine, die Erfahrung mit Jugendarbeit haben, wissen, dass einzelne Projekte wie der Aktionssommer nicht ausreichen. Deshalb will das Team von der Leipziger Universität weitermachen, schließlich gibt es viele engagierte Menschen in der Stadt. „Wir wollen mit den lokalen Akteuren zusammenkommen, die hier langfristig etwas tun können und mit denen wir entsprechende Strategien erarbeiten“, so Scheel. Zu den Akteuren gehört neben dem Verein „Zwürfel“ e.V. auch das Zeitzer Jugendparlament.

Auf lange Sicht könnte die leerstehende Bluebox so zu neuem Leben erweckt werden, was sich positiv auf die Umgebung und die gesamte Stadt auswirkt.

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