Zehn Jahre gegen Sepsis

Jedes Jahr erkranken 280.000 Menschen in Deutschland an Sepsis. Ein starkes Bündnis aus Wissenschaft und Medizin entwickelt am Zentrum für Innovationskompetenz „SEPTOMICS“ in Jena seit zehn Jahren Strategien gegen die lebensbedrohliche Krankheit.

Gäste der Zehn-Jahre-Jubiläumsfeier bei SEPTOMICS

Jubiläumsfreude: Thüringens Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee (rechts) im Gespräch mit SEPTOMICS-Initiator Axel Brakhage (Mitte) und Michael Bauer, Klinikdirektor am Uniklinikum Jena (links).

UKJ, Michael Szabó

Das ist ein Anlass zum Feiern: In der großen Aula des Abbe-Zentrums, gleich neben dem SEPTOMICS-Forschungsgebäude auf dem Jenaer Beutenbergcampus, treffen sich die Wissenschaftlerinnen und Wisssenschaftlern mit ihren Gästen zu einem Jubiläumssymposium. Auch Thüringens Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee ist gekommen. Er nennt Jena eine „Lokomotive“ für Thüringen und sieht SEPTOMICS als leuchtendes Beispiel für eine gelungene Forschungsförderung. Insgesamt 46 Millionen Euro haben Bund, Land und Stiftungen bisher in das Zentrum investiert. Dazu gehören auch die Mittel für den Neubau, den die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler 2012 bezogen haben. Die Professorin und Medizinerin Hortense Slevogt war eine der ersten, die in das Gebäude eingezogen sind. Die Internistin und Infektiologin ist auf Lungenerkrankungen spezialisiert. Entzündungen der Lunge sind oft der Ausgangspunkt für eine Sepsis. Slevogt erforscht die Interaktionen zwischen dem Wirt und den Krankheitserregern in der menschlichen Lunge und entwickelt derzeit einen Test zur schnelleren Erkennung von Lungenentzündungen, die durch einen speziellen Pilz hervorgerufen werden.

SEPTOMICS-Gebäude

Zeichen für nachhaltige Sepsisforschung: Nur drei Jahre nach der Gründung des ZIK SEPTOMICS haben die Wissenschaftler 2012 den Neubau auf dem Beutenbergcampus in Jena bezogen.

ZIK SEPTOMICS (FSU), Anna Schroll

Frauenpower

Frauen sind bei SEPTOMICS stark vertreten. Auch die Medizinerin Sina Coldewey und die Mikrobiologin Slavena Vylkova leiten dort Forschungsteams. Die leitende Oberärztin Sina Coldewey und ihre Mitarbeiter wollen die Kurz- und Langzeitfolgen bei Sepsispatienten besser erforschen. Ihr Ziel ist es, in einer aktuellen Patientenstudie kardiovaskuläre Risiken als Prognosefaktoren zu identifizieren und potenzielle Biomarker für neue Therapieansätze zu finden. Coldewey verbindet dabei klinische Forschung eng mit der Anwendung, denn die Patientendaten gelangen von der Klinik ins Labor – und die Ergebnisse ihrer Arbeit direkt wieder in die Klinik.

Slavena Vylkova interessiert sich für Pilzinfektionen, die zu einer Sepsis führen können und sehr schwer zu behandeln sind. Insbesondere untersucht sie, wie der Pilz Candida albicans sogenannte Biofilme bildet, die gegen Anti-Pilz-Medikamente resistent sind. Wenn sich solche Biofilme auf Venen- oder Blasenkathetern befinden, entstehen Blutstrominfektionen, die sich zu einer lebensgefährlichen Sepsis entwickeln können. Das Team um Vylkova möchte verstehen, welche Faktoren die Bildung derartiger Biofilme ermöglichen.

Fluoreszenzmikroskop im SEPTOMICS-Labor

Wie entsteht eine Sepsis? Mit fluoreszenzmikroskopischen Methoden untersuchen die Forscher bei SEPTOMICS die Interaktion zwischen humanen Zellen und Sepsis-Erregern.

ZIK SEPTOMICS (FSU), Anna Schroll

Ausstrahlung

Einer der Väter und Initiatoren von SEPTOMICS ist Axel Brakhage, Direktor des Leibniz-Instituts für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie – HKI in Jena. Der Mikrobiologe sieht SEPTOMICS als Nukleus für die Entwicklung weiterer Infektionsforschungsverbünde in der Thüringer Wissenschaftsstadt. Neben Sonderforschungsbereichen und einem erfolgreich eingeworbenen Exzellenzcluster gehört dazu auch das Zwanzig20-Konsortium „InfectControl 2020“, das sich der Vermeidung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten widmet – insbesondere im Zusammenhang mit zunehmenden Resistenzen gegen Antibiotika. Gerade ist am HKI im Rahmen von InfectControl 2020 ein neues Innovationslabor eingeweiht worden, in dem Forschenden und Unternehmen modernste Messgeräte zur Verfügung stehen. Damit können sie beispielsweise die Atmungsaktivität von Mikrobenkulturen in Echtzeit bestimmen, was die Prozessoptimierung von naturstoffproduzierenden Mikrobenkulturen erleichtert. Das ist für den Transfer in die industrielle Produktion und die Herstellung von pharmazeutischen Wirkstoffen von großer Bedeutung.

Lars Regestein und Gisela Philipsenburg

Lars Regestein vom Biotechnikum am Leibniz-HKI erklärt Gisela Philipsenburg vom BMBF das neue „Respiratory Online Measuring System“, das Atmungsaktivitäten von Mikroorganismen in Echtzeit misst.

Leibniz-HKI

Nachhaltigkeit

SEPTOMICS setzt auf Verstetigung. Das zeigen auch die beiden Professuren, die Hortense Slevogt und Oliver Kurzai dort besetzen. Kurzai ist SEPTOMICS-Forscher der ersten Stunde. Aufgrund seiner erfolgreichen Forschung und umfangreichen Expertise zum Thema Pilzinfektionen leitet er seit fünf Jahren in Jena das Nationale Referenzzentrum für Invasive Pilzinfektionen. Das Zentrum unterstützt Ärzte und Mikrobiologen bei Fragen zur Diagnostik solcher schweren Pilzinfektionen. Obwohl Oliver Kurzai inzwischen einen Lehrstuhl an der Universität Würzburg hat, ist er Jena und SEPTOMICS weiterhin als Forschungsgruppenleiter verbunden. So leuchtet das Zentrum für Innovationskompetenz zehn Jahre nach seiner Gründung weit über die Grenzen Thüringens hinaus und hat wichtige Fundamente für sein langfristiges Bestehen gesetzt.