Wird Wasser der neue Rohstoff in der Lausitz?

Seit mehr als 100 Jahren ist die Lausitz Kohlerevier. Heute fördern die Abraumbagger bis zu 60 Millionen Tonnen Braunkohle pro Jahr. 2038 wird Schluss sein. Tausende Arbeitsplätze müssen ersetzt werden. Wird Wasser diesen Strukturwandel stützen?

Aquatische Biomasse

Aquatische Biomasse (Bakterien, Algen, Wasserpflanzen, Garnelen und Fisch) sind Quellen für eine Vielzahl an neuen Produkten für die Lebensmittelwirtschaft, Kosmetik und Pharmaindustrie.

TU Dresden, Institut für Naturstofftechnik

Die Kohleförderung erzwingt das Abpumpen von Grundwasser. Bis zu 200 Mio. Quadratmeter müssen  jedes Jahr weichen, um an die Flöze der Rohbraunkohle heran zu kommen. Dabei war die Lausitz einmal wasserreich – Seen und Moore prägten das Gesicht dieser stillen, reizvollen Landschaft südöstlich von Berlin, zwischen Cottbus und Dresden gelegen.

Eine Entwicklung kann helfen, diesen Zustand wieder zu erreichen. Seit den 1970-er Jahren läuft die schrittweise Stilllegung leer gebaggerter Tagebaue. In der Folge steigt der Grundwasserspiegel an, die einer Mondlandschaft ähnelnden Gruben werden geflutet. Entstanden sind so bis heute rund 3.000 Hektar Fischereiflächen, die gewerblich und privat genutzt werden. Zunehmend profilieren sich Freizeit- und Tourismuswirtschaft in der Lausitz. An den Ufern neuer Seen fällt der Blick immer öfter auf Marinas, gut gefüllte Badestrände, der Wassersport dominiert immer mehr das Revier.

Innovationsregion Aquakultur

Diese Entwicklung komme bei Einheimischen und Gästen gut an, weiß Felix Krujatz von der Technischen Universität Dresden. Aber er weiß auch, dass diese Entwicklung nicht ausreichen wird, um den für die Lausitz existenziell wichtigen Strukturwandel mit vielen tausend neuen Arbeitsplätzen voranzutreiben. Einen zweiten Niedergang der regionalen Wirtschaft, wie in den 1990-er Jahren, würde die Zukunft der Lausitz tatsächlich in Frage stellen. Felix Krujatz ergänzt: „Wir setzen mit der Idee von AquaTechLausitz auf neue Wertschöpfung aus dem Wasser. Die Lausitz soll die Innovationsregion für Aquakultur in Deutschland werden. Das ist unser Anspruch.“ Gefördert wird "AquaTechLausitz" im Programm "WIR! - Wandel durch Innovation in der Region" des Bundesforschungsministeriums.

Dabei verweist Krujatz auf die große Tradition und Kompetenz der Fischzucht in der Lausitz. Und mit diesem Wissen verfüge man über beste Startbedingungen auch für Innovationen aus aquatischen Biomassen, zum Beispiel Mikro- und Makroalgen, Schwämmen, Wasserpflanzen oder Garnelen. Was sich zunächst nach ferner Zukunftsmusik anhört, entpuppt sich bei genauem Hinhören als ziemlich guter Plan. Matthias Quendt muss davon nicht mehr überzeugt werden. Der Gründer und frühere Eigentümer der Dr. Quendt GmbH in Dresden hat eine klare Botschaft: „Algen müssen köstlich werden!“ Bei ersten Verkostungen mit Backwaren, die Mikroalgen enthielten, gab es überraschte Gesichter, wie lecker das sein kann. „Innovationen müssen auch mit Konventionen brechen, um neue Nachfrage zu wecken“, ist sich Matthias Quendt sicher. Seine Vision – eine regionale Wertschöpfung von der Algenproduktion für frische Biomasse in neuen Produkten aufbauen. Das wär`s.

Blaualgen im Fokus

Weit über die Ernährungswirtschaft hinaus geht das Potenzial, das Jan-Heiner Küpper von der Brandenburgischen Technischen Universität BTU Cottbus-Senftenberg sieht. Sein Fokus konzentriert sich beim digitalen Bündnistreffen auf die Cyanobakterien (Blaualgen) mit Namen „Spirulina“. Auf Grund ihres sehr hohen Proteingehalts, im Vergleich mit Soja oder Mais, könnten sie eine Karriere als Superfood vor sich haben. Noch interessanter scheinen ihm aber die Einsatzmöglichkeiten von „Spirulina“ in der Pharmaforschung. Die Eigenschaften dieser Mikroalgen bieten eine exzellente Basis, um sie künftig bei Diagnose und Therapie von Tumorzellen zu erproben.

Unbedingten Bedarf an der Nutzung von Cyanobakterien als Naturstofffabriken meldete auch Timo Niedermeyer von der Martin-Luther-Universität MLU Halle-Wittenberg an. Er forscht an alternativen pharmakologischen Wirkstoffen, die Naturstoff inspiriert sind und künftig die aufwendig synthetisch hergestellten Wirkstoffe ersetzen sollen.

Neue Anlagen für Algenproduktion

Konzeptstudie EUREF Consulting und MINT Engineering GmbH

Tradition mit Moderne durch innovative Aquakultur für neue Wertschöpfung in Kohlerevieren verbinden - das Ziel von AquaTechLausitz.

Konzeptstudie EUREF Consulting und MINT Engineering GmbH

Auch wenn die Lausitz über ein richtig gutes Netzwerk aus Maschinen- und Anlagenbauern verfügt, kann Kompetenz von außen nie schaden.  Christoph Lindenberger lehrt und erforscht unter anderem Bioverfahrenstechnik an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden. Sein Schwerpunkt und Steckenpferd sind Konzepte für Bioraffinerien zur Algenproduktion. Auch wenn viele schon die Bilder von großen Röhrensystemen mit leicht grün gefärbter Flüssigkeit gesehen haben, so ist der Forschungsbedarf noch immer enorm. Für die Lausitz sieht Christoph Lindenberger großes Potenzial in Herstellung und Einsatz von Anlagenmodulen, da auch künftig kaum einheitliche Gesamtsysteme zur Algenherstellung in Serie realisiert werden. „Auf den Standort und die Technologie kommt es an, um Algenbiomasse so effizient wie möglich zu produzieren und zu verarbeiten.“

Das AquaTechLausitz-Team griff diesen Ball gleich auf und präsentierte abschließend das „Zentrum für angewandte Aquakultur und Bioökonomie gGmbH“. Hier sollen in Zukunft Aus- und Weiterbildung, Innovation und TechnologieHub sowie Zertifizierung und Analyse für die „Innovationsregion Aquakultur Lausitz“ ihren Platz haben. Oder wie es Andreas Kretschmer von der Greentec Consult GmbH, Regionalmanager im AquaTechLausitz-Bündnis, gern sagt: „Wasser ist die Kohle der Zukunft.“  Das Zitat stammt übrigens von Jules Verne aus dem Jahr 1874.

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