Vor dem Quantensprung?

Rund 16.000 Beschäftigte sind in Berlin/Brandenburg für die Optik- und Photonikbranche tätig, in Wirtschaft und Forschung. Nun soll ein internationales Netzwerk mit regionalem Kern entstehen, das Quantentechnologien in neue Anwendungen bringt.

Deutschlands vielleicht bekanntester „TV-Wissenschaftler“ Harald Lesch versuchte das Erklären der Quantenmechanik einmal so: "Diese Welt im ganz ganz Kleinen – man kann sie nicht verstehen, aber der Erfolg heiligt die Mittel. Im Vergleich zur klassischen Physik scheint hier wenig logisch, aber alles möglich."

Markus Krutzig stellt InnoQT vor

Markus Krutzik arbeitet am neuen Netzwerk Quantentechnologie in der Hauptstadtregion.

FBH/Katy Otto

Vielleicht auch deshalb ranken sich so viele Geschichten zum Beispiel um die „Quantencomputer“, die so nach Science Fiction klingen. Sie sollen künftig in wenigen Sekunden Aufgaben lösen, für die ein PC viele Tausend Jahre bräuchte. Beispiele wären das Zerlegen einer Zahl mit Hunderten von Stellen in ihre Primfaktoren oder das Durchforsten gigantischer Datenbanken. Oder aber die exakte Beschreibung der Wirkungsweise von Molekülen so, dass personalisierte Medikamente eine ganz neue Effizienz bekämen. Quantenoptische Verfahren würden die Diagnosen in der Humanmedizin revolutionieren.

Konkrete Anwendungen

Markus Krutzik vom Berliner Ferdinand-Braun-Institut und der Humboldt-Universität zu Berlin ist Mitinitiator des Innovationsforum Mittelstand "InnoQT" und sieht die zweite Quantenrevolution recht deutlich vor seinen Augen. Auch wenn aus Sicht der Großindustrie die Forschung und Entwicklung zur Quantentechnologie noch in den Kinderschuhen stecke, zeichnen sich für ihn beispielhafte Anwendungen klar ab: eine bisher unerreichte präzise Kartographie, Entwicklungs- und Steuerungsmöglichkeiten der autonomen Mobilität, die Datensicherheit oder auch die Simulation neuer Materialien sowie eine völlig neue Sensortechnik für die Raumfahrt.

Konkrete Forschungs- und Entwicklungsbeispiele der Region stellte Oliver Benson von der Humboldt-Universität Berlin den Teilnehmern des Forums vor. Intensiv forsche zum Beispiel die Technische Universität Berlin an der Quantenkommunikation, speziell für den Betrieb über größere Distanzen, sowie an Quantenlichtquellen, die mit Halbleiternanotechnologien realisiert werden sollen. Im Zentrum der thematischen Forschung an der Freien Universität Berlin stehen die Simulationsmöglichkeiten durch neue Quantentechnologien. Und die Humboldt-Universität zu Berlin fokussiert sich unter anderem auf die Quantensensorik, die künftig Schichtdicken in Materialien messen  soll.

Hohe Erwartungen

Die Erwartungen sind gigantisch. Bis 2022 stellt die Bundesregierung 650 Millionen Euro für die Erforschung von Quantentechnologien zur Verfügung. Die EU fördert mit ihrer Quantum-Flagship-Initiative die europäische Forschung mit einer Milliarde Euro.

Neben den spannenden Blicken in die Zukunft gaben Unternehmer aus der Hauptstadtregion auf dem Forum Einblicke in ihre Entwicklungsarbeit und die heute schon vorhandene Produktpalette. Zehn Firmen kamen dabei zum Zuge, die für bereits angewandte Quantentechnologie unter anderem verschiedene Laserlichtquellen, Sensoren, Module, Softwaredesign, Zeitmesser und Spektrometer für den Markt anbieten.

Die Diskussionen der rund 90 Teilnehmenden des Innovationsforums zeigten, dass die Region eine starke Kompetenz in der Photonik besitzt, eine Schlüsseltechnologie für Anwendungen der Quantentechnologie. Das auf dem InnoQT-Forum initiierte Netzwerk zielt jetzt darauf ab, den Industriestandort Berlin-Brandenburg nachhaltig zu stärken. Die Hauptstadtregion will in der Quantentechnologie künftig eine international sichtbare Rolle spielen.

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