Vom Abfall zum Rohstoff

Ob als Karton, Wandputz oder Verband – Gips ist aus unserem Leben nicht wegzudenken. In der Karstlandschaft Südharz wird er in besonderer Reinheit abgebaut. Das WIR!-Bündnis „Gipsrecycling“ entwickelt Alternativen zum Raubbau an der Natur.

„Nachhaltiger Tourismus statt Raubbau auf Raten“ steht auf den ausliegenden Faltblättern des Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Die Botschaft passt zum Anliegen derer, die das Bündnis „Gipsrecycling als Chance für den Südharz“ initiieren: allen voran die Hochschule Nordhausen, die den Südharz immer stärker als Recyclingregion profiliert; die „Bauhaus-Universität Weimar“, die auf Baustoffforschung spezialisiert ist, und der Baustoffhersteller CASEA, der schon seit Jahren Recyclinggipse in der Produktion verwendet. Hinzu kommen weitere Partner aus der Gips- und Bauindustrie, aus der Abfallwirtschaft, ebenso Wissenschaftler, Interessenvereinigungen der Region und Naturschutzorganisationen.

Alle gemeinsam stehen vor der großen Herausforderung eines ressourcenschonenden, CO2-armen, nachhaltigen Wirtschaftens. Konkret hat sich das Bündnis auf die Fahne geschrieben, Abfälle von Gipsbaustoffen zu sammeln, zu recyceln und als hochwertiges wiederverwendbares Material in den Stoffkreiskauf zurückzuführen. Das Bündnis agiert unter dem Begriff der „Wertstoffwende“, der von der Hochschule Nordhausen geprägt wurde, und wurde vom Bundesforschungsministerium als Zwanzig20-Forum sowie „Innovation & Strukturwandel“-Pilotvorhaben gefördert.

Verunreinigte und aufbereitete Gipsbrocken.

Mit Lehm und Ton verunreinigtes Haldenmaterial (links) kann durch Trennverfahren zu hochwertigem Recyclinggips aufbereitet werden.

PRpetuum GmbH

Neue Wertschöpfungskette

„Stimmen für und gegen den Gipsabbau verschaffen sich hier täglich Gehör“, verweist Ariane Ruff auf ein Spannungsfeld in der Region. Die Professorin für Urbane Ressourcen an der Hochschule Nordhausen widmet den verschiedenen Interessen gleichermaßen ihre Aufmerksamkeit. Der Naturgips aus dem Harz ist wegen seiner hohen Reinheit von über 90 Prozent ein begehrtes Material – besonders für die Bauwirtschaft und für die Medizin. Seit dem 19. Jahrhundert sichert der Gipsabbau zig Generationen Arbeitsplätze und Lebensunterhalt.

Andererseits sehen immer mehr Bürger den Eingriff in die Gipskarstlandschaft – oberirdisch mit Sprengungen und schwerem Gerät betrieben – mit wachsender Sorge. Das „Grüne Band“ entlang der Ländergrenzen zwischen Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt ist ein besonderer Lebensraum für Tiere und Pflanzen und zugleich attraktiv für Naturtouristen. Der BUND setzt sich für die Einrichtung eines länderübergreifenden Biosphärenreservats Karstlandschaft Südharz ein. „Wir suchen und entwickeln Alternativen zum Gipsabbau“, sagt Ariane Ruff. Sie leitet das Bündnis „Gipsrecycling als Chance für den Südharz“ und betont die Chancen: Rückführung, Aufbereitung und Verwertung von Gips könnten zu verbindenden Gliedern in einer Wertschöpfungskette werden, die der Region neue Geschäftsfelder und Arbeitsplätze generiert. Das Bundesforschungsministerium zeigt sich überzeugt und fördert das Vorhaben innerhalb des Programms „WIR! – Wandel durch Innovation in der Region“.

Gebissmodell aus Gips

Bislang werden Gipsmodelle für die Zahnmedizin als Abfall entsorgt.

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Neue Produktlinie

Vom gipshaltigen Baumaterial bis zum Gebissmodell für die Zahnmedizin – am Ende des Gebrauchs landet der wertvolle Rohstoff auf der Halde oder gelangt mit dem Hausmüll in die Verbrennungsanlage. Dabei könnte er zu 85 Prozent reinem Gips, kurz RC-Gips, recycelt werden. Zunächst will das WIR!-Bündnis gipshaltige Wertstoffströme identifizieren, auswählen und geeignete Logistikkonzepte bis hin zur Rückführung des RC-Gipses entwickeln. Für gipshaltige Verbundmaterialien wie Estriche oder Gipsfaserplatten, die bislang noch nicht recycelt werden können, sollen neue Trenn- und Aufbereitungsverfahren entwickelt werden. Am Ende der neuen Wertschöpfungskette steht dann die Verwertung des RC-Gipses, der künftig in entsprechenden Produkten mit einem Anteil von über 50 Prozent zum Einsatz kommt, etwa in Putz- oder Spachtelmaterialien. Schließlich soll eine ganze RC-Produktlinie entstehen, die verschiedene Sparten bedient.

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