Virtuelle Räume für das Museum

Die Corona-Pandemie wird unsere menschlichen Begegnungsformen nachhaltig beeinflussen. Das Berliner Museum für Naturkunde und der Technologieentwickler ART+COM kreieren neuartige Ausstellungsformate, die „Nähe trotz Distanz“ erzielen.

Die vielbesuchte Saurierwelt des Berliner Museums für Naturkunde ist derzeit menschenleer. Auch wenn die Ausstellungsräume nach dem Lockdown wieder öffnen – hier wie anderswo in den Museen werden sich die Menschen auf lange Sicht nicht so bewegen können wie auf die gewohnte Art und Weise vor der Corona-Krise. Ein Museumsbesuch ist und bleibt von Infektionsschutzmaßnahmen und Distanzregelungen begleitet.

Für die ART+COM Studios in Berlin ist dieser Zustand ein kreativer Anreiz, neuartige Formate für museale Ausstellungserlebnisse zu entwickeln, die über die Pandemie-Zeit hinaus interessant sind. „Wir nutzen die neuen Technologien als künstlerische Ausdrucksmittel und als Medien zur interaktiven Vermittlung“, sagt Joachim Quantz, Leiter der Forschungsabteilung bei ART+COM. „So werden diese Installationen in gewisser Weise selbst zu medialen Kunstwerken, die komplexe Inhalte etwa in Ausstellungen, Museen oder öffentlichen Räumen auf emotionalen Wegen erlebbar machen.“

Dinosaurier-Skelett im Naturkundemuseum

Auch im Berliner Naturkundemuseum werden sich die Menschen auf lange Sicht nicht so bewegen können wie vor der Corona-Krise. 

Antje Dittmann

Das 1988 gegründete Unternehmen hat international beachtete Kompetenzen, was mediale, interaktive Installationen betrifft – und hat Auftraggeber aus Kultur, Wirtschaft und Forschung über die Bundesgrenzen hinaus. ART+COM ist ein Bündnispartner im Wachstumskern „QURATOR – Curation Technologies“, der vom Bundesforschungsministerium gefördert wird. Im Kern geht es dem Bündnis darum, die einzelnen Kuratierungsschritte, d.h. Recherche, Analyse, Kombination und Zusammenfassung von Wissensinhalten, mithilfe Künstlicher Intelligenz zu automatisieren.

Emotionale Nähe trotz sozialer Distanz

Können mittels dieser Kuratierungstechnologien ganz neue Formen von Museumsbesuchen kreiert werden? Innerhalb des QURATOR-Forschungsbündnisses läuft seit Anfang des Jahres das Projekt „NuForm – Nähe trotz Distanz – Neue Formen der Begegnungskommunikation.“ Partner in diesem Projekt sind die ART+COM Studios und das Berliner Museum für Naturkunde. Das erforscht biologische und geologische Evolutionsprozesse und zieht mit seinen Ausstellungen, Bildungsprogrammen und Science Events jährlich rund eine halbe Million Besucher an.

Besuchergruppe im Naturkundemuseum

Zukünftig könnten Ausstellungen "smart" gestaltet und dadurch mehr Publikum angesprochen werden.

Thomas Rosenthal

Doch Führungen, Workshops, Veranstaltungen in den „realen“ Räumen dürfen pandemiebedingt gar nicht oder nur mit stark reduzierter Besucherzahl stattfinden. „Unsere Idee ist die Kombination von digitalen, hybriden und Präsenz-Angeboten vor Ort“, erläutert Joachim Quantz und beschreibt ein mögliches Szenario: „Ein Mensch oder ein Roboter geht mit der Kamera durch die Ausstellung und agiert dabei in Kontakt mit den Online-Besuchern, die den Rundgang gebucht haben.“ Eine weitere Möglichkeit wäre, so Quantz, dass sich eine „Visitor Community“ zusammenfindet. Diese verteilt sich zeitgleich im realen und virtuellen Museumsraum und begibt sich gemeinschaftlich in Mensch-Technik-Interaktion.

Mehr Publikum in smarten Ausstellungen

Inwieweit die neuen Formen von Begegnungskommunikation zu emotionalen Erlebnissen führen, soll innerhalb des NuForm-Projektes erforscht werden. Laut Quantz gibt es „noch keine Vorbilder für diese Art kontaktlose beziehungsweise hygienekonforme Interaktionen im und mit einem Museum. Wir wollen Prototypen entwickeln, die über die Zeit Corona-bedingter Kontaktbeschränkungen hinaus museale Bereicherungen sind.“ Er verweist auf generelle mediale Erweiterungen von Räumen und Objekten und auf „smarte“ Ausstellungen. Denn damit, so viel sei schon sicher, könnten sich Museen eine viel breitere Reichweite eröffnen und mehr Publikum ansprechen.

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