Pfirsiche aus dem Tagebau?

Seit vor 120 Jahren der Abbau von Braunkohle in der Lausitz begann, entstanden Arbeitsplätze, wurde Landschaft zerstört und rekultiviert, bekamen Mensch und Tier ein neues Zuhause. Besteht nun die Chance für einen Status als „UNESCO-Welterbe“?

Mit einem Kick-off-Workshop in Cottbus startete das Team der Verbundpartner von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU), dem Sorbischen Institut (SI) und dem Institute for Heritage Management Cottbus (IHM) das Projekt "UNESCO-Welterbe".

IHM-Projektleiterin Lea Brönner umriss dabei den Rahmen für dieses anspruchsvolle Vorhaben: „Das mögliche Lausitzer Welterbepotenzial basiert auf der Annahme, dass die Lausitz wie keine zweite Region der Welt die Auseinandersetzung von Politik und Gesellschaft mit der Rekultivierung von Bergbaubrachen widerspiegelt. Hier illustriert die Region den Wandel der Ideen von Aufforstungen über landwirtschaftliche Wiedernutzbarmachung bis hin zur Erschließung von Naherholungsgebieten und macht den jeweiligen Zeitgeist im Gelände greifbar.“

Ansicht eines Sees

Vielfältig präsentieren sich die Bergbaufolgelandschaften in der Lausitz: raue Abraumhalden, neue Seen als Erholungsrevier und auch eine Wiederherstellung der landwirtschaftlichen Nutzung werden angestrebt.

Institute of Heritage Management Cottbus / Heidi Pinkepank

Innovation ist mehr als Technik

raue Abraumhalde

Auch raue Abraumhalden prägen das Bild der Bergbaufolgelandschaften.

Institute of Heritage Management Cottbus / Heidi Pinkepank

Im Zentrum der Untersuchungen stehen die Bergbaufolgelandschaften in den östlichen Gebieten der Länder Brandenburg und Sachsen. Ab den 1960er-Jahren, und insbesondere in den 1990er-Jahren, rückte die Nutzung der Flächen durch die breite Bevölkerung in den Fokus, und man entschied sich, die Bergbaubrachen in Naherholungsgebiete umzuwandeln. Später ging man zu alternativer Energiegewinnung über und nutzte die entstandenen Flächen für Windparks und Photovoltaikanlagen. Auch die Wiederherstellung eines agrarischen Nutzens gehört zu den Lausitzer Rekultivierungsambitionen. Ende des 20. Jahrhunderts entschloss man, entstandene Brachen so zu rekultivieren, dass die „neue“ Landschaft ein Ebenbild der ursprünglichen Landschaft darstellte. Anfang des 21. Jahrhunderts hingegen waren Aufforstungen die Rekultivierungsmaßnahme der Wahl.

Für Markus Otto, Leiter des Fachgebietes Planen in Industriefolgelandschaften an der BTU, steht das gesamte Welterbe-Vorhaben für die Idee, Innovation nicht nur technisch zu begreifen. Spannend werde die Recherche nach den möglichen gesellschaftlichen Innovationen, die durch den Bergbau und seine umfassenden Folgen für das Leben in dieser Region entstanden. Und wie das jetzt beschlossene Ende des Kapitels Braunkohle in der Lausitz auf die Bevölkerung, Wirtschaft, Infrastruktur und Kultur wirken wird. Hier sehe man sich auch in der Fortführung der Arbeit von Rolf Kuhn, der für die Internationale Bauausstellung Fürst Pückler-Land von 2000 bis 2010 wesentliche und bis heute sichtbare Impulse für die Lausitz setzte.

Heimat der Sorben

Die kleine und traditionsstarke slawische Volksgruppe der Sorben ist seit über hundert Jahren unmittelbar von allen Folgen des Bergbaus in der Lausitz betroffen. Der Verbundpartner Sorbisches Institut e. V. (SI) beschäftigt sich sowohl mit dem Wechselspiel sorbischer Landnutzungsformen als auch mit der Unterbrechung und Weiterführung sorbischer Traditionslinien. Die Forschungen sollen zum Beispiel zeigen, wie der Verlust durch die Umsiedelungsprozesse aufgrund des Kohleabbaus anerkannt und zukunftsgerichtet aufgearbeitet werden kann.

Interesse an Welterbe Lausitz

Nach dem Start geht es nun vor allem um Forschung und Kommunikation. Zusammen mit den Einwohnern, den lokalen Vertretern von Wirtschaft und Wissenschaft, Verwaltung, Politik und Kultur soll die Projektidee mit Blick auf Potenzial und Interesse vor Ort diskutiert und entwickelt werden. Ihr Ziel definieren die Projektpartner aktuell so: Durch internationale Anerkennung einen neuen, positiv behafteten Zugang zur regionalen Geschichte des Braunkohleabbaus und der damit verbundenen Landschaftsinnovation schaffen. Der Diskurs einer weltweit außergewöhnlichen Kulturlandschaft wird neben der Selbst- auch die Außenwahrnehmung der Region verändern.

Die Forschungsergebnisse werden im Frühjahr 2021 vorliegen. Eine Entscheidung über den Welterbe-Status scheint frühestens ab 2030 möglich. Und so scheint eine Pfirsichplantage in der Bergbaufolgelandschaft nicht ausgeschlossen. Erste Weinberge sind schon Realität.