Neuer Tuberkulose-Wirkstoff erstmals im Klinikeinsatz

Jedes Jahr sterben weltweit 1,5 Millionen Menschen an Tuberkulose. Doch es gibt Hoffnung. Seit Mitte November bekommen Patientinnen und Patienten in Kapstadt eine neue Substanz verabreicht, die in Jena entdeckt wurde.

Bereits 2014 haben Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie – Hans-Knöll-Institut (Leibniz-HKI) in Jena den Wirkstoff BTZ-043 gefunden. Das neue Antibiotikum gegen Tuberkulose hat einen speziellen Wirkmechanismus, der sogar Erreger vernichtet, die gegen herkömmliche Antibiotika resistent sind. Solche resistenten Keime werden zunehmend zum Problem. Das betrifft nicht nur Regionen wie Südostasien, Afrika und Osteuropa, in denen es die meisten Tuberkulose-Fälle gibt, sondern auch Deutschland. Hierzulande erkranken jedes Jahr fast 6.000 Menschen an Tuberkulose. Im Rahmen des Zwanzig20-Konsortiums "InfectControl 2020" und des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) haben die Jenaer den Wirkstoff zusammen mit ihrem Partner, dem Tropeninstitut am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München, entwickelt. Nachdem BTZ-043 bereits erfolgreich die klinische Prüfung Phase I bestanden hat, läuft nun die Phase II.

Florian Kloß mit Handschuhbox für sauerstoffarme Bedingungen bei Experimenten

Handschuhbox für sauerstoffarme Bedingungen: Bei vielen Experimenten mit dem neuen Wirkstoff BTZ-043 hat Florian Kloß so gearbeitet, um Oxidationsprozesse zu unterdrücken.

Leibniz-HKI

Optimale Dosis

Insgesamt 80 Patientinnen und Patienten, die freiwillig an der Studie teilnehmen, wird der neue Wirkstoff in zwei klinischen Zentren in Kapstadt über einen Zeitraum von 14 Tagen verabreicht. Die Studie ist durch ein internationales Konsortium mit Partnern in Südafrika möglich geworden. Zunächst geht es darum, die optimale Dosis für die Substanz zu finden, mit der höchsten Wirksamkeit bei gleichzeitig bester Verträglichkeit. Florian Kloß, Leiter der InfectControl 2020-geförderten Transfergruppe Antiinfektiva am Leibniz-HKI erklärt: „Aufgrund der in der Phase-I-Studie nachgewiesenen guten Verträglichkeit von BTZ-043 im Menschen sind wir zuversichtlich, dass die Testsubstanz auch von Tuberkulose-Patientinnen und -Patienten gut vertragen wird.“ Erste Ergebnisse erwarten die Forscher Mitte 2020. Diese müssen dann an einer noch größeren Patientengruppe bestätigt und in punkto Wirksamkeit und Verträglichkeit mit der bisherigen Standardtherapie für Tuberkulose verglichen werden.

Vorausschauende Strategie

BTZ-043 ist das erste in Deutschland entwickelte Antibiotikum seit Jahrzehnten, das durch eine Kooperation akademischer Institutionen erreicht wurde. Axel Brakhage, Direktor des Leibniz-HKI und Lehrstuhlinhaber an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, begleitet die Entwicklung des Wirkstoffes seit seiner Entdeckung: „Es ist ein großer Erfolg für alle beteiligten, öffentlich finanzierten Institutionen, dass BTZ-043 sich nun in der klinischen Phase II befindet. Dies bedurfte immenser finanzieller und organisatorischer Anstrengungen. Die bedrohliche Ausbreitung multiresistenter Erreger macht es jedoch absolut erforderlich, diesen unkonventionellen Weg zu gehen.“ Die Finanzierung dieser Medikamentenentwicklung ist auch ein wesentliches Verdienst der strategischen Entscheidung des Bundesforschungsministeriums, die translationale Forschung durch die Förderung der Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung und des stark interdisziplinär agierenden Konsortiums InfectControl 2020 voranzutreiben.