Neue Aktionsfelder für die dwerft

Die Filmbranche ist auf ihrer ersten Wegstrecke ins digitale Zeitalter, da wagen zeitgleich Pioniere ganz neue digitale Produktionstechniken. Dem Potsdamer Forschungsbündnis „dwerft“ eröffnen sich damit weitere Betätigungsfelder.

„Als die Bilder laufen lernten ...“ – das war in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Im 21. Jahrhundert lernen die Bilder, den Film zu verlassen. Volycap heißt eine neue Technologie, die das ermöglicht. Sie erzeugt dreidimensionale Darstellungen von realen Personen, die sich wie computergenerierte Modelle bearbeiten lassen. Die „eingescannten“ Schauspieler können reale und virtuelle Welten begehen. Auch Zuschauer können mit Hilfe der Virtual-Reality-Technik die Filmwelten betreten und das Geschehen sowie die aufgenommene Person und das aufgenommene Objekt aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

Screenshot der Datenbank-Oberfläche

Auf der ersten Version einer digitalen Plattform ist eine präzise Suche bis in die Filmszene hinein möglich sowie die domänenübergreifende Zusammenarbeit verschiedener Hersteller.

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Wieder einmal wird am Filmstandort Babelsberg Pionierarbeit geleistet. Hier steht das erste deutsche Volycap-Studio. Auf 170 Quadratmetern befinden sich 32 Kameras, die ringsum an einer vier Meter hohen Lichtrotunde installiert sind. Das Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut für Nachrichtentechnik entwickelte die Basistechnologie „3D Human Body Reconstruction“ für ganz neue Erzählformen bis hin zum begehbaren Film. Volycap sei auch ein brandaktuelles Thema für die dwerft, sagt Projektkoordinatorin Claudia Wolf. „Für unser Forschungsbündnis eröffnet sich mit der Erzeugung und Speicherung von Metadaten im Zusammenhang mit der Volycap-Technologie ein ganz neues Betätigungsfeld.“

Programmvorschau braucht digitale Navigation

Metadaten“, so der Begriff für sämtliche während der Produktion anfallenden Informationen, sind ein großes Thema für die „digitale Werft“. 2014 hatte der vom Bundesforschungsministerium geförderte Wachstumskern seine Arbeit aufgenommen, um die Filmbranche auf ihrem Übergang in den digitalen Schaffensprozess zu begleiten. Denn: Die Filmproduktion ist noch immer ein papierlastiges Geschäft. Die Metadaten werden aufgeschrieben, dabei gehen im Verlauf des Produktionsprozesses viele der Daten verloren. Das war zu vernachlässigen in Zeiten, als Kino und Fernsehen in friedlicher Koexistenz ihre Zuschauerzahlen hatten. Da fanden die Bewegtbilder ohne großes Datengepäck via Sendelisten und Programmzeitschriften zum Publikum. Heute, wo nicht nur Kino und Live-TV, sondern auch Mediatheken und diverse Video-Portale miteinander konkurrieren, kann die traditionelle Programmvorschau das komplette Angebot nicht mehr abbilden. Nun sind die produktionsbegleitenden Daten die Basis für eine Art digitales Navigationssystem. Wer seinen Film mit Metadaten bestückt, trägt Vorsorge, dass er gut zu verwerten ist – sowohl von den Nutzern, als auch von professionellen Anwendern wie etwa von Produzenten und Redakteuren, von Vertrieblern, PR-Agenturen und Archivaren.

Bekanntheitsgrad der dwerft wächst

2018 ging die digitale Werft in die zweite Runde; dwerft2 ist ein Bündnis aus sechs Kernpartnern, die die mediale Wertschöpfungskette von der Idee über Produktion und Verwertung bis hin zum Archiv abdecken. Inmitten des traditionsreichen Medienstandstandortes Potsdam-Babelsberg entwickeln die dwerft-Arbeiter die Technologieplattform „Linked metadata for media“. Auf dieser sollen die Softwaresysteme verschiedener digitaler Medien miteinander kommunizieren können. „Das Herz dieser Plattform schlägt jetzt – sehr zur rechten Zeit“, sagt Projektsteuerin Claudia Wolf. „Sogar eine präzise Suche bis in die Filmszene hinein ist möglich. Zudem können verschiedene Hersteller domänenübergreifend zusammenarbeiten.“

Dass während des Corona-bedingten Lockdowns selbst Produktionsvorbereitungen in digitale Räume verlegt werden mussten, verhalf den dwerft-Entwicklungen zu höherem Bekanntheitsgrad. Im Mai wurden dwerft-Vertreter vom Institut für Rundfunktechnik und der ARD.ZDF Medienakademie zum Expertengespräch eingeladen. „Wir erhalten seitdem viele Rückfragen zu Kooperationen“, resümiert Bündniskoordinatorin Claudia Wolf.

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