Mit Kamel-Antikörpern gegen Corona

Um den Immunstatus nach einer Corona-Erkrankung gibt es viele ungeklärte Fragen. Ein neues In-vitro-Diagnostikum zur Bestimmung von COVID-19-spezifischen Antikörpern soll eine genaue Analyse von Infektionsrate und Immunität ermöglichen.

COVID19-Erkrankungen verlaufen teilweise sehr schwach. Die große Frage ist, inwieweit Patientinnen und Patienten immun gegen SARS-CoV-2 sind. „Eine verlässliche Diagnostik zur Erfassung des Immunstatus spielt eine große Rolle, wenn es darum geht, wie wir jetzt und künftig unser Leben mit Corona gestalten, sagt Katja Hanack, Professorin für Immuntechnologie an der Universität Potsdam.

Nahaufnahme Reagenzgläser im Labor

Das in-vitro-Diagnostikum (IVD) zur Bestimmung von COVID-19-spezifischen Immunreaktionen wird im Reagenzglas entwickelt. 

CellTrend

Seit über zehn Jahren entwickelt sie mit ihren Teams Technologien zur Herstellung von funktionalen Antikörpern aus verschiedenen Spezies. Was von Erfolg gekrönt ist: Vielfach erprobt und patentiert ist das bislang weltweit einzigartige Verfahren, das eine bis zu viermal schnellere Herstellung von Antikörpern erlaubt. „In der Corona-Pandemie eröffnet sich uns ein ungeahnt großes Einsatzfeld für unsere Technologie, sagt Katja Hanack im Hinblick auf ein außerhalb eines Organismus entwickeltes Diagnostikum – fachsprachlich „in vitro“ – zur Bestimmung von COVID-19-spezifischen Immunreaktionen.

Biobank sammelt Testergebnisse

Um eine verlässliche und für die Europäische Gemeinschaft zertifizierte Diagnostik für die großflächige Bestimmung des Immunstatus in der Bevölkerung aufzubauen, haben sich zwei universitäre Partner und drei mittelständische Unternehmen aus der Region Berlin-Potsdam zusammengeschlossen: Die Universität Potsdam und die Charité-Universitätsmedizin sowie die CellTrend GmbH, die sifin diagnostics GmbH und die Wimedko GmbH bringen ihre Kompetenzen ein, um eine komplette Wertschöpfungskette aufzubauen – von der Entwicklung bis zu einem marktfähigen SARS-CoV-2-Nachweissystem, das international vertrieben wird.

Illustrative Darstellung der Testfunktion

Der sekundäre Antikörper in dem Nachweissystem ist mit einem Enzym markiert. Das führt zur Farbänderung (blau), wenn er im menschlichen Serum auf einen an SARS-CoV-2-gebundenen Antikörper trifft. 

Katja Hanack

„Um umfassende Immunitätsstudien durchzuführen, wollen wir begleitend eine Biobank aufbauen. In die sollen nicht nur die Ergebnisse unseres SARS-CoV-2-Nachweissystems eingehen, sondern auch die Ergebnisse anderer Tests, wie etwa von Nasen- und Rachenabstrichen, sagt Katja Hanack.

Kamelide Antikörper machen Test zuverlässig

In voraussichtlich einem Jahr soll das In-vitro-Diagnostikum (IVD) zugelassen und auf dem Markt sein. Im Unterschied zu allen bisher verfügbaren Tests basiert dieses IVD auf SARS-CoV-2-virusähnlichen Partikeln. Diese sind aus der nichtinfektiösen Hülle des Virus hergestellt. „Da die gesamte Virusoberfläche abgebildet wird, erhalten wir auch das gesamte Spektrum einer Immunantwort. Katja Hanack erklärt weiter, dass die SARS-CoV-2-spezifischen Partikel vor ihrem Einsatz von Rückständen aus der Zellkultur, in der sie gezüchtet wurden, gereinigt werden. „Zu diesem Zweck funktionieren kamelide Antikörper wie ein bindender Magnet – und vor allem viel schneller als die aufwändige Methode in der Zentrifuge, erläutert Hanack. Antikörper von Kamelen künstlich herzustellen, ist das Ergebnis ihres durch das Bundesforschungsministerium geförderten gleichnamigen Projekts. „Kamelide Antikörper, sagt sie, „machen wegen ihrer hohen Stabilität unser neues Nachweissystem sehr zuverlässig. Gerade wegen des breiten Spektrums von asymptomatischen bis tödlichen Verläufen der COVID-19-Erkrankungen bedarf es einer differenzierten Beobachtung, was nur mit einem qualitativ hochwertigen Nachweissystem möglich ist.“ Das geplante System, so die Wissenschaftlerin, könne auch als Plattformtechnologie auf beliebig andere Viruserkrankungen erweitert werden.