Freiräume für neue Lebensmodelle

Die ländliche Region Wendland-Elbetal bietet viele Freiräume für neue Lebens,- Wohn- und Arbeitsmodelle. Das Aktionsbündnis „Sustainable Elbe Valley“ öffnet die Türen zu diesen Räumen. Hindurchgehen können alle, die ihr Leben aktiv gestalten möchten.

Annika Heinrichs und Eva Nalbach im Gespräch

Die Genossenschaftlerinnen Annika Heinrichs und Eva Nalbach (v.l.) gestalten ihr Elbedorf der Zukunft.

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Wer nicht im Landkreis Lüchow-Dannenberg zuhause ist, lässt sich „Salderatzen“ buchstabieren, um den Ortsnamen zu verstehen. An die 30 Einwohner hat das wendländische Rundlingsdorf. In der Region ist das 100 Jahre alte Herrenhaus des einstigen Landgutes weit bekannt. Es war als Hotel mit Gastronomie jahrzehntelang ein beliebter Ort für Familienfeste. Annika Heinrichs aus Hamburg hat ihre Hochzeit hier gefeiert. Als Mitbegründerin einer Genossenschaft, die das Anwesen nun gekauft hat, zog ihre Familie kürzlich hier ein. Auf überraschenden Kompetenzfeldern ist Annika Heinrichs unterwegs: Betriebswirtschaft, Arbeits- und Organisationspsychologie, digitales Marketing. „Genossin“ Eva Nalbach kann mitbieten. Sie hat Volkswirtschaft und Philosophie studiert, Touren für Theaterensembles organisiert, schneidert Hochzeitskleider und Kostüme. In Stiefeln, Spitzenkleid und blauer Arbeitsjacke signalisiert sie auch optisch, dass sich hier in Salderatzen über alte Glaubenssätze hinweg Neues zusammenfügt: „Ein Ding der Möglichkeit“, so der Name der Genossenschaft, die an diesem gemeinsam gewählten Ort neue Modelle für gemeinschaftliches Wohnen, nachhaltiges Wirtschaften und co-kreatives Gestalten entwickelt. „Ein Ding der Möglichkeit“ ist wie geschaffen für eine Partnerschaft mit dem Aktionsbündnis „Sustainable Elbe Valley“. Dessen Initiatoren wollen zukunftstaugliche Modelle für den ländlichen Lebensraum am mittleren Elbetal anschieben.

Dörfer erfinden sich neu

Julia Zieker und Judith Kahle auf einer Bank

Julia Zieker und Judith Kahle (v.l.) gehören zum Aktionsbündnis „Sustainable Elbe Valley.

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Gerade bewerben sich die Enthusiasten um für die Umsetzungsphase des Förderprogramms „WIR! – Wandel durch Innovation in der Region“ des Bundesforschungsministeriums. Isabella Tober, Judith Kahle und Julia Zieker von der „Grünen Werkstatt Wendland“ managen das Projekt „WIR! Wendland-Elbetal: Neue Arbeit – Neue Wege – Neue Wohnformen“. Pandemie-bedingt mussten sie die Workshops und Expertengespräche alle online organisieren. Aus heutiger Sicht sind sie froh über die dadurch erzielte Reichweite. Schließlich erstreckt sich ihre Innovationsregion über das Grenzgebiet Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Eine Erfahrung, die alle teilen: Immer mehr junge Erwachsene und Familien interessieren sich, schnuppern gern mal rein in das ländliche Leben. Die, die bleiben wollen, begreifen diesen Lebensraum als Freiraum zum eigenen Gestalten. Da gehe es dann um wirkliche Innovationen, die ein Dorf weiterentwickeln, sagen Julia Zieker und Judith Kahle. Die Dörfer bräuchten neue Konzepte für die Mobilität, neue Finanzierungsmodelle, alternative Wohnformen und logistische Lösungen zur Anbindung an ihre modernen Arbeitswelten. Das alles müssten die Akteure aus sich heraus entwickeln, damit es zu ihnen passt. Und es müsste vor Ort gewollt sein. Darum sind auch kommunale Verwaltungen und Wirtschaftsförderer in das Bündnis-Netzwerk involviert.

Wissenschaft erforscht Landleben

„Jung kauft Alt“ steht am Anfang der Innovationen für Salderatzen. Glasfaseranschluss macht es möglich, dass aus dem Kuhstall ein Kreativ-Lab wird. Eine digital ausgestattete Holzwerkstatt kann dann angemietet werden. Schreibplätze, die an moderne Kommunikations-Infrastruktur angebunden sind, ermöglichen ruhiges und konzentriertes Arbeiten mitten im Grünen. Für die Leuphana Universität Lüneburg ist Salderatzen ein Testraum: Wie sich hier das genossenschaftliche Zusammenleben und -arbeiten auf die persönliche Resilienz auswirkt, soll Thema einer Promotion mit Handlungsempfehlungen sein.

Auch die Initiatoren des WIR!-Bündnisses betrachten ihre Innovationsregion Wendland-Elbetal als einen großen Forschungscampus für Universitäten und Hochschulen. Die hätten hier ein anwendungsnahes Reallabor zur Entwicklung von innovativen Produkten und Dienstleistungen, die in die Region passen und von der Bevölkerung angenommen werden. Die Projektmanagerinnen sehen eine Aufgabe des Bündnisses darin, den Boden dafür zu bereiten und ein entsprechendes Wachstumsklima zu schaffen.