Eine Zukunft aus Lehm geformt

In der griechischen Mythologie formte Prometheus den Menschen aus Lehm. In Mitteldeutschland kommt Lehm hinreichend vor. Die Menschen hier formen sich daraus eine neue wirtschaftliche Zukunft.

Altes zerfallenes Bauernhaus.

Der Lehm aus Abrissbauten lässt sich einfach recyceln und als Baumaterial wiederverwenden. 

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Einst war er ein stattlicher Bauernhof am Ortseingang von Großzöberitz im Landkreis Anhalt-Bitterfeld. Doch längst sind die zerfallenden Lehmmauern der Stallungen Nährboden für Gräser und Birken. „Früher wurde der Lehm von Abrissbauten als Dünger auf die Felder gebracht oder als Baumaterial wiederverwendet“, sagt Archäologin Franziska Knoll von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Sie beschäftigt sich mit dem Lehmbau aus historischer wie auch aus moderner Sicht und gehört in ihrer Begeisterung für dieses seit Jahrhunderten verwendete Baumaterial zu den GOLEHM-Enthusiasten. Das Akronym steht für „Ganzheitlicher, Oekologischer Lehmbau“.

Die Initiative geht vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und vom Berliner Architekten- und Ingenieurbüro ZRS aus. Aller Motivation ist die Schaffung eines neuen, deutschlandweit bislang einzigartigen Stoffkreislaufes in der regionalen Bauwirtschaft. Gerade erstellen sie ein Konzept und werden dabei vom Bundesforschungsministerium im Förderprogramm „WIR! – Wandel durch Innovation in der Region“ unterstützt.

„Wir wollen eine Vorreiterrolle einnehmen und zeigen, wie sich unsere vom Kohleausstieg betroffene Region neu erfinden kann“, sagt Franziska Knoll. Mit „Wir“ sind in diesem Falle Vertreter aus Wissenschaft und Wirtschaft wie auch Kommunen und Privatinitiativen gemeint, die den Strukturwandel in der Region aus Lehm formen wollen.

Wiederbesinnung auf traditionellen Baustoff

Neues Haus aus Lehm.

Das herrschaftliche Bauernhaus in Großzöberitz ist hinter seiner Putzfassade aus Lehm gebaut.

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Der massive Lehmbau soll als Paradebeispiel für ressourcenschonendes klimaneutrales Bauen in den gesellschaftlichen Fokus zurückgeholt werden. Denn über Jahrtausende ließe sich der Lehmbau in Mitteldeutschland nachverfolgen, sagt Harald Meller, Leiter des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Hier, im Trockengebiet mit seinen Lössböden, läge das Baumaterial ja geradewegs vor der Haustür. Nirgendwo in Deutschland, so Meller, leben mehr Menschen in „unentdeckten“ Lehmhäusern. Doch weil mit der Entwicklung moderner Baustoffe in der westlichen Welt der Lehm als Baumaterial der armen Leute betrachtete wurde, sei er im vorigen Jahrhundert aus dem Sichtfeld geraten.

An der Aufpolierung des Images der Lehmbauweise arbeitet Christof Ziegert, Gründer des Architektur- und Ingenieurbüros ZRS, das viel Erfahrung mit dem Umgang von Lehmbauten besitzt. Von der erhaltenen und denkmalgeschützten Bausubstanz in Großzöberitz ist er begeistert. Seine aktuellen Erfahrungen, dass wieder mehr junge Familien aufs Land ziehen und hier ökologisch bewusst bauen und leben wollen, teilt er mit Matthias Egert, dem Bürgermeister der Stadt Zörbig, zu der die Ortschaft Großzöberitz gehört. Mit etwa 40 massiven Lehmbauten ist das 500-Seelen-Dorf Teil der GOLEHM-Initiative und steht Modell für „Wohnen und Bauen im Lehmhaus“ im Wandel der Zeiten. Nicht nur Scheunen und Ställe, auch das einstige Rittergut, stattliche Bauernhäuser und schlichte Wohnhäuser wurden hier „gewellert“. So wird die traditionelle Technik zur Herstellung von Hauswänden aus einem Stroh-Lehm-Gemisch bezeichnet.

Neue Normen für die Lehm-Bauwirtschaft

Es sei preiswerter, solch ein Haus zu sanieren, als ein neues zu bauen, sagt Ziegert und führt aus, dass mit dem Klimawandel der Baustoff Lehm eine Renaissance erleben sollte, denn Lehm ist regional verfügbar, kann mit wenig Energieaufwand verarbeitet werden und ist komplett recycelbar. Lehmwände sind wärmedämmend und sorgen für ein optimales Raumklima – bestätigen die, die in Großzöberitz darin wohnen. GOLEHM will innerhalb seines branchenübergreifenden Netzwerkes Lösungen für Sanierung und Neubau von Lehmhäusern aufzeigen, neue Lehmbaustoffe entwickeln und Normen für die Bauwirtschaft erarbeiten. Da dem Lehmbau über Jahrzehnte keine Beachtung geschenkt wurde, sollen Aus- und Weiterbildungsmodule für das Handwerk erarbeitet werden.

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