Durchdachte Architektur – mehr Hygiene – weniger Infektionen

Jedes Jahr sterben in Deutschland rund 10.000 bis 15.000 Menschen an Krankenhausinfektionen mit multiresistenten Erregern. Wie ein neuartiges Patientenzimmer das verhindern kann, zeigt ein begehbares Modell. Es wurde jetzt in Berlin vorgestellt.

Infektionen mit multiresistenten Erregern, gegen die kein Antibiotikum mehr wirksam ist, nehmen weltweit zu. Allein in Deutschland infizieren sich jährlich fast eine halbe Million Krankenhauspatienten damit. Ein Team aus Architekten und Designern, Medizinern und Molekularbiologen aus dem Zwanzig20-Konsortium InfectControl hat im Rahmen des Projekts KARMIN untersucht, wie derartige Infektionen eingedämmt werden können.

Außenansicht des begehbaren Modells eines infektionssicheren Patientenzimmers

Das begehbare Modell des neuartigen infektionspräventiven Patientenzimmers ist jetzt erstmals in Berlin der Öffentlichkeit präsentiert worden.

Tom Bauer/IKE

KARMIN steht für Krankenhaus, Architektur, Mikrobiom und Infektion. Die Forscher haben ein Zweibettzimmer entworfen, das diverse Vorteile bietet: Getrennte Bäder schützen die Patienten vor Keimen. Eine neue Raumaufteilung und gegenüber aufgestellte Betten optimieren die Pflegeabläufe für das Klinikpersonal und erleichtern die Reinigung. Damit steigt die Hygiene im Patientenzimmer, das Risiko einer Infektion sinkt. Eine Tatsache, die auch im Zusammenhang mit der Behandlung von COVID-19-Patienten äußerst relevant ist.

Glatte Oberflächen und lächelnde Desinfektionsmittelspender

Neben der Architektur des Zimmers war für das interdisziplinäre Team aus Braunschweig, Jena und Berlin auch die Wahl der Oberflächen von Bedeutung. „Für die Ausstattungsgegenstände haben wir nur Materialien gewählt, die eine möglichst glatte und fugenfreie Oberfläche besitzen und insbesondere gegenüber Desinfektionsmitteln langfristig beständig sind“, erläutert Wolfgang Sunder, Architekt an der Technischen Universität Braunschweig und Leiter des KARMIN-Projekts. Auch an die bestmögliche Beleuchtung des Zimmers haben die Wissenschaftler gedacht. Mit dem sogenannten Human Centric Lighting haben sie ein menschenzentriertes Beleuchtungskonzept gewählt, das die visuelle und emotionale Wirkung des Lichtes berücksichtigt. Das bedeutet, das Licht passt sich mit verschiedenen Farbtemperaturen an den natürlichen Verlauf des Tageslichtes an.

Besonders wichtig im Patientenzimmer sind Desinfektionsmittelspender, die im Zuge des Forschungsprojektes ebenfalls neu entwickelt worden sind. Die Designer haben sich für einen mechanischen Spender entschieden, dessen Kontaktfläche mit dem Wechsel der Desinfektionsmittelflasche regelmäßig ausgetauscht wird. Ein Smiley, der je nach Benutzung lächelt oder schmollt, soll das Pflegepersonal zur Nutzung des Spenders animieren.

Vom Entwurf zum lebensechten Modell

Das bayerische Unternehmen Röhl und 17 weitere Industriepartner haben den Entwurf des neuartigen Patientenzimmers in einem Demonstrator umgesetzt. Das begehbare Modell ist mit dem Start des internationalen „World Health Summit“ nun erstmals in Berlin zu sehen. Es wird bis zum 22.11.20 auf dem Gelände der Charité zur Besichtigung und Evaluierung stehen.

Die KARMIN-Projektpartner erhoffen sich wertvolle Impulse von Fachleuten für die Weiterentwicklung des Patientenzimmers. Mit dem Ziel, dass ihre Ideen beim Neubau oder auch bei der Sanierung von Krankenhäusern künftig Berücksichtigung finden.