Die Zeit der Riesen geht vorbei

Die AGRITECHNICA in Hannover ist die weltgrößte Messe für Landwirtschaftstechnik. Das "Feldschwarm®"-Bündnis aus Sachsen stellte hier seine Vision der Landwirtschaft 4.0 mit den neuen "Cobotics" vor.

Thomas Herlitzius schaut zufrieden auf die voll besetzten Reihen in der Messehalle 15. Viele Interessierte sind zum Workshop gekommen, um die Ideen aus Sachsen für eine Landtechnik 4.0 kennenzulernen und zu verstehen, warum nicht „immer größer“, sondern „klein und klug“ richtig Lust auf die Zukunft der Landwirte machen wird.

Cobotics – mehr als eine Idee?

Der Sprecher des Bündnisses formuliert seine Zuversichtlichkeit deutlich: „Auch wenn viele Hersteller noch immer auch auf Größe, Masse und Konvention setzen, sehen wir uns als Vorreiter für ein neues Handeln in der Landwirtschaft. Wir müssen raus aus althergebrachten Denkfurchen!“, unterstreicht er. Womit er nichts anderes meint als eine völlig neue Art von Maschinen, die auf den Feldern zukünftig den Boden bearbeiten, säen, pflegen und die Ernte einfahren wird. Er nennt sie einfach: Cobotics. Nicht nur deutlich kleiner soll diese mobile Plattform werden, sondern durch das Montieren der jeweils benötigten Arbeitsgeräte mal Pflug, mal Egge und mal Mähmaschine sein können. Perfekt werde sie durch eine nutzerfreundliche digitale Steuerung und Vernetzung der Geräte, skizziert Herlitzius grob die Ziele.

Zwei Messebesucher schauen sich den COBOTIC-Prototypen an.

Im Zentrum der Feldschwarm®-Präsentation in Hannover: ein Modell des Cobotics-Prototypen.

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Das Feldschwarm®-Team ist mit Neuigkeiten nach Hannover gekommen: Die bisherigen Tests mit den neuen Modulen liefen richtig gut, was keine Selbstverständlichkeit sei, betont Thomas Herlitzius. Wenn nichts dazwischenkommt, geht es im Frühjahr 2020 mit einem Prototypen für Unkrautbekämpfung hinaus aufs Testfeld am Dresdner Stadtrand. Genau dieses Cobotics-Modell stand im Zentrum der Feldschwarm®-Präsentation auf der AGRITECHNICA und zog viel Aufmerksamkeit auf sich. Das nächste wichtige Etappenziel im Jahr 2022 wird dann das Finden von Pilotkunden – also Landwirten – sein, die Mut und Lust haben, diese Zukunft in ihren Betrieben zu testen.

Cobotics sollen sich rechnen

Was sich durchaus noch nach Science Fiction anhört, erweist sich bei näherer Betrachtung als kluge Konzeption mit technischer und vor allem betriebswirtschaftlicher Vision: Mit Blick auf die Ertragslage vieler Betriebe hat zukünftig nur der Maschinenpark einen Sinn, der die Produktivität deutlich verbessert und insbesondere die Auslastung des Maschinenparks steigert. Ein konventioneller Mähdrescher kommt heute auf ganze 20 Arbeitstage im Jahr!

Dass diese Zukunftsmusik Schritt für Schritt Realität wird, beweist die Arbeit des Designerteams um Sebastian Lorenz von der Technischen Universität Dresden: „Schon heute beweist der Blick in die Fahrerkabine eines Mähdreschers, dass die Fülle von Displays und Informationen an die Grenze der Wahrnehmung stößt. Es wird einfach zu viel!“ Aus diesem Grund haben die Dresdner Technikdesigner ein komplett neues „User Interface“ entwickelt – eine Oberfläche für den Laptop oder das Smartphone, über die der Landwirt seine neue Technik auf dem Feld steuern kann. Ob das vom Feldrand aus, an Bord einer Zugmaschine oder auch aus dem Büro heraus geschieht, scheint eher zweitrangig.

Drohne, von der aus die Landtechnik gesteuert wird

Gesteuert wird die digitale und elektrische Landtechnik von einer Drohne aus.

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Noch ein weiterer Punkt ist den sächsischen Entwicklern wichtig: Auch wenn es das Projekt nicht einfacher macht, so streben sie doch an, die bereits vorhandenen Geräte mit der neuen Feldschwarm®-Technik zu verbinden, damit erforderliche Investitionen bezahlbar werden.

Erste Cobotics-Brüder sind am Start

Zu den Feldschwarm®-Bündnispartnern gehört auch der Hersteller John Deere. Ein erstes Angebot der neuen Landtechnikgeneration war in Hannover zu bestaunen. Nicolai Tarasinski vom firmeneigenen Innovationszentrum versuchte, den Unterschied zu den etablierten Landtechnik-Riesen deutlich zu machen, indem er sein Konzept der Reduzierung aufs Wesentliche umriss – keine Fahrerkabine und kein Verbrennungsmotor mehr, sondern nur noch ein elektrischer Antrieb plus digitale Steuerung für die benötigte Gerätetechnik. Damit verbunden sei die Steigerung der Leistung um das Dreifache gegenüber einer konventionellen Zugmaschine, was höhere Geschwindigkeiten möglich mache. Das Eigengewicht soll maximal 7,5 Tonnen betragen. Der Strom werde über ein ausgeklügeltes Kabelsystem transportiert.

Sachsens Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt jedenfalls zählt zu den Unterstützern des Feldschwarm®-Bündnisses. In Hannover bewertete er die Entwicklungsvorhaben des Bündnisses als Leuchttürme in der Innovationslandschaft. Mit dem Aufbau der 5G-Testfelder im ländlichen Raum in den kommenden Monaten schaffe das Land eine wichtige Voraussetzung für den Einsatz der Cobotics auf Sachsens Feldern.

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