Die Oberlausitz – das „Vielechancenland“

Die Oberlausitz ist so groß wie das Ruhrgebiet, gilt mit rund 115 Einwohnern je Quadratkilometer aber als eher dünn besiedelt. Betrug 1990 das Durchschnittsalter 39 Jahre, so werden es 2025 wohl 52 Jahre sein. Eine Herausforderung!

Luftaufnahme der Oberlausitz

Flächenmäßig so groß wie das Ruhrgebiet und trotzdem eher dünn besiedelt. Die Oberlausitz hat mit der steigenden Überalterung unserer Gesellschaft zu kämpfen.

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Eine positive Formulierung für ein handfestes Problem hat sich ein Bündnis auf seine Fahnen geschrieben, das viel mehr sein will, als ein normales Förderprojekt: „ZukunfTAlter – Zukunftstechnologien für ein gelingendes Alter(n) im ländlichen Raum“. Konkret gemeint sind damit die beiden ostsächsischen Landkreise Bautzen und Görlitz an den Grenzen zu Polen und Tschechien. Rund 557.000 Frauen, Männer und Kinder haben hier ihr Zuhause. Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge wird 2025 in der Oberlausitz nur noch eine Minderheit von 47 Prozent 55 Jahre oder jünger sein. Die Altersgruppe der 65 bis 85-Jährigen steigt auf ca. 28 Prozent an. Wahrscheinlich werden 30.000 Frauen und Männer 85 Jahre und älter sein. Gefördert wir das Bündnis ZukunTAlter vom Bundesforschungsministeriums BMBF im Rahmen des Förderprogramms „WIR! – Wandel durch Innovation in der Region“.

Ideales Umfeld für Innovation

"Es kommt vor allem darauf an, Ängste vor Neuem abzubauen, den Nutzen von Innovation deutlich zu machen und klug zu motivieren."

Christiane Schifferdecker

„Sachsen war und ist ein Technikland und die Oberlausitz ein ideales Labor für soziale und technische Innovationen.“, umriss Christiane Schifferdecker, als sächsische Seniorenbeauftragte und Beiratsmitglied der WIR!-Initiative, ihre Zuversicht. Vor über 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmern einer Online-Konferenz zum künftigen Leitbild des Oberlausitz-Bündnisses mahnte sie Tempo an: „Die Zeit ist reif. Heute und morgen verfügen die über 60-Jährigen in ihrer Heterogenität über vielfältige Kompetenzen und Wünsche, die wir ernst nehmen müssen.“ Dabei komme es vor allem darauf an, Ängste vor Neuem abzubauen, den Nutzen von Innovation deutlich zu machen und klug zu motivieren.

Mängel und Chancen

Zahlreiche Studien bieten interessante Einblicke und formulieren Aufgaben, wie die Zukunft älterer Menschen in der Oberlausitz aktiv und kommunikativ gestaltet werden muss. Handlungsbedarf besteht vor allem im Schaffen von altersgerechten und bezahlbaren Wohnungen, die über einen Breitbandanschluss verfügen, um digitale Dienste in Anspruch nehmen zu können. Schwieriger wird künftig wohl das Einkaufen oder auch der Arztbesuch in der Nähe, weil auch hier der Konzentrationsprozess weitergehen wird. Lieferdienste und Telemedizin können eine neue Alternative sein. Probleme macht auch der zunehmende Wegfall der Familie als natürlicher Sozialarbeiter unserer Gesellschaft. Weil das Pendeln zur Arbeit für viele in der Oberlausitz Alltag ist, bleibt weniger Zeit für Kontakt und Besuch bei Oma und Opa. Hier einen Ersatz im Kampf gegen das Alleinsein zu finden, wird eine der Herausforderungen für „ZukunfTAlter“. Nicht zu vergessen der zunehmende Bedarf an Pflegeleistungen ambulant oder auch im Heim.

Rückenwind für innovative Sozialwirtschaft

Rückenwind kann Yves Tschentscher von der Arbeiterwohlfahrt AWO in der Lausitz gut gebrauchen. Mit rund 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zählt die Wohlfahrtsorganisation zu den großen Arbeitgebern in der Region. Für beste Arbeit und damit vor allem mehr Zeit für das Betreuen der Senioren setzt Yves Tschentscher mutig auf Digitalisierung zunächst der Verwaltung: „Gegen erste Widerstände arbeiten wir jetzt mit unserer digitalen Bewohnerakte. Wir haben 7,5 Kilometer Kabel in unseren Einrichtungen neu verlegt, 40 modernste Computerarbeitsplätze eingerichtet und WLAN dahin gebracht, wo wir es brauchen.“ 170 AWO-Angestellte sparen sich viel Zeit für das bisherige handschriftliche Formular ausfüllen, vervielfältigen und dokumentieren. Ein Klick, ein Blick. So geht Zukunft.

Modell Oberlausitz

Modell der TU Dresden

Grafik über Einflussfaktoren für Menschen im häuslichen Umfeld.

TU Dresden

Wenn nicht hier, wo dann? Denkt sich Kristina Barczik von der Technischen Universität Dresden, die zum Führungsteam des neuen Bündnisses gehört. Ihr Steckenpferd und Forschungsschwerpunkt ist die Vielfalt der neuen Medien, die Nutzung und Befähigung auf Seiten der älteren Bevölkerung. Die spannende Frage: Benutzt denn die ältere Bevölkerung in der Oberlausitz überhaupt Smartphone und Laptop? Eine erste Stichprobe im ländlichen Raum ergab, dass überwiegend telefoniert wird und SMS sowie Fotos verschickt werden. Aktuell kaum genutzt sind Bestellportale und Videodienste. Was sowohl technische, aber auch Gründe einer viel zu komplizierten Anwendung haben mag. Erste Ergebnisse der Leitbildkonferenz werden die nächsten Workshops inspirieren. Schlagwörter, wie zum Beispiel „Mehr Neues wagen und weniger verwalten“, „Regionales stärken“ oder auch „Wünsche der Älteren gut kennen“ geben eine Richtung vor, mit der die Oberlausitz zu einer Modellregion für ein erfülltes Leben im Alter werden kann. Mit Stolz auf Tradition und Mut zur Innovation.

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