Chemie und Bio – das neue Dreamteam

Wo seit über 100 Jahren die Chemie und Kunststoffindustrie von Kohle und Erdöl lebt, wird ein neues Geschichtskapitel geschrieben. Wertschöpfungsketten entlang Bio-basierter Polymere sollen zum Strukturwandel in Mitteldeutschland beitragen.

Grünschnitt liegt an einer Straße

Grünschnitt wie dieser dient als Grundstoff für die Erzeugung von Polybutylensuccinat.

Karoline Tahlhofer

Ein nachhaltiger Lebensstil wird für immer mehr Menschen zum bestimmenden Thema in ihrem Alltag. Allerdings sind Kunststoffe aus diesem Alltag nicht mehr wegzudenken, weil sie hervorragende Eigenschaften haben. Selbst Bio-Lebensmittel sind in Folie verpackt, Naturkosmetik wird in Kunststoffbehälter gefüllt, das Spargelwachstum lässt sich mit der Agrarfolie beschleunigen. Doch die endlichen Ausgangsstoffe Kohle und Erdöl sowie die schlechte CO2-Bilanz beim Herstellen und Recyceln von Polymeren werden zum Problem für den Klimatschutzplan der Bundesregierung. Bis 2030 sollen industrielle CO2-Emmissionen um bis zu 52 Prozent reduziert werden. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es innovative Lösungen, wie sie zum Beispiel aus Mitteldeutschland kommen. Auf der Basis von Zellulose aus Pflanzen und Holz sollen hier Biokunststoffe entwickelt werden.

„Wir bewegen uns auf einem neuen sehr zukunftsträchtigen Markt“, sagt Peter Putsch, Koordinator des Forschungsvorhabens, das vom Bundesforschungsministerium innerhalb des Programms „RUBIN – Regionale unternehmerische Bündnisse für Innovation“ gefördert wird. Das Bündnis aus 18 Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft leitet aus RUBIN seinen eigenen Projektnamen RUBIO ab. Chemie und Bio – innovative Entwicklungen bringen beides zusammen. Wertschöpfungsketten zur Herstellung technischer Biokunststoffe in großer Variantenvielfalt sollen mit neuen Geschäftsfeldern den Strukturwandel in die Region um Leuna, Schkopau, Bitterfeld und Schwarzheide bringen. Die war bislang geprägt von der Verarbeitung von Kohle- und Erdöl.

Wertschöpfung bis zum Recycling

Wertschöpfungskette

Grafik der Wertschöpfungskette von RUBIO

RUBIO

Das Innovationspotenzial des Kunststoffes der Zukunft steckt in dem bio-basierten und biologisch abbaubarem Polybutylensuccinat (PBS). Das ist ein aus Bernsteinsäure hergestelltes Polymer. Die Biochemikalie Bernsteinsäure kann aus stärke- und zuckerhaltigen Pflanzen gewonnen werden und gilt als zukunftsträchtiger Rohstoff für Polymererzeugnisse, die entlang ihrer Herstellungskette bis zum Recycling eine verbesserte CO2-Bilanz bei mindestens gleichwertigen Gebrauchseigenschaften aufweisen. Die RUBIO-Akteure sind Pioniere, die in der traditionsreichen Chemielandschaft ein solches Zukunftsfeld etablieren wollen. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette bringen sie ihre Kompetenzen ein. Das betrifft die Bio- und Synthesetechnologie, Aufbereitungs- und Verarbeitungstechnologie wie auch die Recyclingtechnologie. Die soll am Ende hochwertige Stoffe hervorbringen, die in den Verwertungskreislauf rückgeführt werden können.

Kompetenzzentrum für Biokunststoffe

Ob Joghurtbecher oder Trinkflasche, Folien für Deponieabdichtungen oder technische Textilien – wenn zu ihrer Herstellung Bio-Chemikalien verwendet werden, muss der gesamte Produktionsprozess darauf abgestimmt sein. Die RUBIO-Akteure sehen das als spannende Herausforderung und als Chance für die Etablierung eines mitteldeutschen Kompetenz-Zentrums für Biokunststoffe. In ihrem „unternehmerischen Bündnis für Innovation“ stehen Unternehmen und Forschungseinrichtungen am Start, die Polymere im Labor- und im Fedlversuchen erforschen, Verarbeitungstechnologien entwickeln, Materialen mit neuen Eigenschaften versehen, Kunststoffgranulate zu technischen Textilien oder Verpackungen verarbeiten, neue Sortiertechnologien erforschen – und nicht zuletzt Partner, die für die neue Polymerverarbeitungskette Weiterbildungs- und E-Learning-Konzepte entwickeln.

Als Adressaten der neuen Geschäftsmodelle sind etwa die Anlagenbauer und die klassischen Polymerproduzenten ausgemacht. Für alle werde sich der Markt ändern – getrieben vom Akzeptanz- und Nutzerverhalten der Endverbraucher, prophezeit der Bündniskoordinator. RUBIO will Investoren begeistern, die sich in der Region ansiedeln und innovative Produkte herstellen, für die ein gemeinsames Markenzeichen entwickelt wird.

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