Begegnungen an einem „magischen Ort“

Der heutige Berliner Dienstsitz des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) war früher die Ständige Vertretung der Bundesrepublik bei der DDR und damit ein ganz besonderer Ort. Im Gespräch mit vier Zeitzeugen der jüngeren deutsch-deutschen Geschichte wurde die Bedeutung dieses Ortes aufgezeigt.

Ministerin Annette Schavan eröffnet die Veranstaltung.

Am Vorabend zum Tag der offenen Tür hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung in den Garten des Ministeriums zu ganz besonderen Begegnungen im Zeichen des Jubiläums zu „20 Jahren deutscher Wiedervereinigung“ eingeladen.

Gerade in diesem Sinne kann man sich wohl keinen bedeutenderen Ort vorstellen, als das „weiße Haus“, die Räumlichkeiten der ehemaligen Ständigen Vertretung der Bundesrepublik bei der DDR (1974-1991), in denen heute das BMBF seinen Dienstsitz hat. An diesem geschichtsgeladenen Ort des Brückenbaus und der Begegnung berichteten an diesem Abend Zeitzeugen im Gespräch mit dem Journalisten Gero von Boehm, über ihre Erlebnisse mit der Wiedervereinigung und der Deutschen Einheit.

Eröffnet wurde die Veranstaltung mit einem Grußwort von Prof. Dr. Annette Schavan. Die Ministerin betonte den legendären Charakter der Veranstaltungen im Gartenhaus der Ständigen Vertretung: „Wahre Orte der Begegnung haben seit jeher mit Grenzüberschreitung zu tun“. Vor 20 Jahren war dies die Grenze der DDR, heute sind es die Grenzen der Forschung, der Übertritt in eine „Ära des Interdisziplinären“. Hier sieht Schavan die Verbindung der traditionsreichen Räumlichkeiten der ehemaligen Ständigen Vertretung und des heutigen Ministeriums für Bildung und Forschung. Wo vor 20 Jahren Grenzen einer Staatstrennung überschritten wurden, sind es heute „die Grenzen des Wissens“. Das diesjährige Jubiläum sei auch eine Bilanz von Forschung und Wissenschaft, betonte Schavan und verwies auf die im September stattfindende Bilanzveranstaltung. Die Ministerin erachtet die Begegnung von Menschen als „den gewinnbringendsten Weg der Verständigung“ und begrüßt die Gäste des Abends: den ehemaligen Kulturattaché der Ständigen Vertretung, Dr. Georg Girardet, den Schriftsteller Christoph Hein, den Arzt und Wissenschaftler Dr. Gero Strauß und Kerstin Voigt, Musikinstrumentenbauerin aus dem Vogtland.

Moderator Gero von Boehm begann die Gesprächsrunde mit Dr. Georg Girardet, der anschaulich berichtete, wie im Frühjahr/Sommer 1990 zeitweise mehr als 100 DDR-Bürger in den Garten der Ständigen Vertretung geflüchtet waren und dort auf ihre Ausreise warteten. „Diese Geschichte berührt“, sagte Girardet und „die Aufgabe faszinierte“. Er berichtete, wie die Idee entstand, dem großen Interesse an westdeutscher Kunst in der DDR gerecht zu werden und das Gartenhaus zum Veranstaltungsort für Kunstausstellungen wurde. Eingeladen wurden die Besucher zu „diplomatischen Empfängen“, tatsächlich aber waren es Vernissagen, bei denen unter anderem Werke von Joseph Beuys großen Anklang fanden. Zeitweise waren 400 bis 500 Menschen aus der gesamten DDR vor Ort. Die Vertretung fungierte damit als Ort der Kommunikation im doppelten Sinne: Einerseits begegneten sich hier Funktionäre, Präsidenten und Privatleute aus der DDR – eine Mischung, die sich sonst so nie ergeben hätte. Andererseits wurden auch Leute aus Westdeutschland eingeladen, um gegenseitiges Interesse zu wecken und einen Beitrag zum regen Austausch zu leisten.

Auch für den Schriftsteller Christoph Hein war der Kontakt zur Ständigen Vertretung von besonderer Bedeutung. Einerseits traf er hier Menschen, die für seine Arbeit als Schriftsteller von Bedeutung waren, wie beispielsweise den zuständigen Minister, um die Genehmigung eines neuen Manuskripts voranzutreiben. Noch wichtiger aber war für ihn die Funktion der Vertretung als Relaisstation zwischen Ost und West, um auch das Interesse der Westbevölkerung am Osten zu wecken. Rückblickend fühlte sich Hein nach 20 Jahren wieder in diesem Garten an einen magischen und spannenden Ort zurückversetzt, nicht zuletzt, da Wolf Biermann bis zu seiner Ausbürgerung 1976 schräg gegenüber wohnte.

Das Publikum im Garten des BMBF.

Mit Dr. Gero Strauß und Kerstin Voigt erfolgte dann der Brückenschlag zur Entwicklung von Wissenschaft und Unternehmertum in Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung. Strauß ist Oberarzt in der Hals-Nasen-Ohren-Klinik des Leipziger Uniklinikums und Vorstandsmitglied im Zentrum für Innovationskompetenz für Computergestützte Chirurgie (ICCAS). Hier wird an der Entwicklung des „OP der Zukunft“ geforscht, laut Strauß „die Weiterführung des Arbeitsplatzes der Chirurgen von einem Status quo zu einer Automation auf moderatem Level.“ Nach seinen Erfahrungen bei ICCAS habe Leipzig als Standort heute keinen Standortnachteil mehr, die Bewerber entschieden sich sogar ganz bewusst für Leipzig. Die Chancen im Osten bestünden darin, dass nach der Wende vieles neu gestaltet werden konnte und noch keine festgefahrenen Strukturen vorhanden waren. Auch der unternehmerische Aspekt spiele für den Erfolg eine wichtige Rolle, „man muss sich messen lassen, man muss auf den Markt. Ich bin dankbar dafür, dass das BMBF fordert, wirtschaftliche Impulse zu setzen“, so Strauß. Diese Ansicht teilte auch Kerstin Voigt, Metallblasinstrumentenbaumeisterin aus Marktneukirchen. Der Bekanntheitsgrad des früheren „Musikwinkels“ im Vogtland konnte nach der Wende wieder gesteigert werden und die Region ist heute international bekannt als „Musicon Valley“. Voigts Vision für die nächsten 20 Jahre besteht darin, ihr Unternehmen mit derzeit 30 Mitarbeitern zu konsolidieren und den Bekanntheitsgrad weiter zu steigern. Wichtig sei ihr auch, neue Verfahren im Instrumentenbau anzuwenden und durch große Wertschöpfungstiefe unabhängig zu sein.

Nach der abschließenden Gesprächsrunde gab es die Möglichkeit vor der Eröffnung am anderen Tag die neue Ausstellung zur Geschichte der Ständigen Vertretung zu besuchen. Bei einem Buffet genossen die Gäste mit musikalischer Begleitung durch „Tango Amoratado“ mit Jürgen Karthe (Bandoneon) und Fabian Klentzke (Klavier), einen lauen Sommerabend in diesem Garten, der Menschen zusammenbringt und magische Begegnungen möglich macht.