„The Australian Way of Life” in Deutschland

Roger Haynes über seine Entscheidung, von Australien ans Zentrum für Innovationskompetenz innoFSPEC nach Potsdam zu kommen und sein Leben in Deutschland.

Ein wunderbarer Tag in Potsdam: Der Winter ist vorbei, die Sonne scheint, sattes Grün zeigt sich zögerlich an Birken & Co. Nicht nur für Australier war dieser deutsche Winter sehr lang – aber Roger Haynes und seine Frau Dionne wollen sich nicht beschweren, sie haben es sich schließlich selbst ausgesucht, diese einmalige und große Chance am Forschungscampus Babelsberg zu ergreifen.

Der Weg war lang: Sydney – Berlin, genauer gesagt Babelsberg: Um die 16.000 km liegen dazwischen, ein ganzer Tag im Flugzeug, ein ganz anderes Klima, eine andere Zeitzone, viele Überlegungen. Zwei Welten? „Naja“, sagt Roger Haynes, „es ist schon etwas anders hier, but I like it!“ Geboren wurde er 1964 in Portsmouth, deswegen ist die Entscheidung, nach Deutschland zu gehen für ihn ein bisschen wie „nach Hause kommen“, denn immerhin ist er wieder in Europa. Und gemessen an den Entfernungen, mit denen er sonst zu tun hat, sind 16.000 km geradezu lächerlich, denn bei seiner Arbeit sind Entfernungen nicht mehr in normalen Kilometern fassbar. Es sei denn, man gehört zu den wenigen Menschen, die sich unter einer Strecke von sagen wir 56 oder 402 Millionen Kilometern etwas vorstellen können (das ist der Abstand zwischen Erde und Mars, er schwankt gewaltig).

Doch das ist nicht das, womit Roger Haynes sich neuerdings beschäftigt: Er kümmert sich seit Jahresbeginn um ein Team des Zentrums für Innovationskompetenz (ZIK) innoFSPEC am Astrophysikalischen Institut Potsdam (AIP). Er ist der Teamleiter, und seine Aufgabe macht ihm Spaß, auch wenn zu Beginn alles noch etwas provisorisch (die Räumlichkeiten) und anders (die Bürokratie) war. Seine Arbeit hier unterscheidet sich von der in Australien allerdings fast nur in einem – wenn auch wesentlichen – Punkt: „Die Möglichkeiten, auch finanzieller Art, sind hier besser. Viel besser!“

Auch wenn er sich erst noch daran gewöhnen muss, sich jede Dienstreise, jede Taxifahrt, „genehmigen zu lassen“ oder auf die gründliche deutsche Art abzurechnen, ist er begeistert von den Möglichkeiten, die sich ihm und seiner Frau am AIP bieten. Hauptsächlich ist Roger Haynes dabei, Spektrographen auf die Größe einer Streichholzschachtel zu schrumpfen, und die Technologie dafür soll auf einem Chip Platz haben. Ein für den Laien schier unglaubliches Unterfangen. Welche zeitliche Zielvorstellung hat er sich gesetzt? „In den nächsten fünf bis zehn Jahren rechnen wir damit, solche Spektrographen für 30-Meter-Teleskope entwickelt zu haben,“ sagt Haynes. Dieser auch Astrophotonik genannte Bereich hat sich mit dem ZIK innoFSPEC Potsdam als neuer Schwerpunkt am AIP etabliert.

Dieser neue Bereich ist die perfekte Ergänzung des Spektrums des AIP. Am AIP werden neue Techniken in den Bereichen Teleskopsteuerung und Robotik, hochauflösende Spektroskopie und Polarimetrie, 3-D-Spektroskopie und Supercomputing entwickelt.

Roger und Dionne Haynes und William Rambold (links).

Im neuen, hochmodernen und gerade erst eingeweihten Gebäude auf dem Babelsberger Gelände sind Roger Haynes und das innoFSPEC-Potsdam-Team jetzt gut eingerichtet. Mit seinem Kollegen William Rambold teilt er sich ein großes, lichtdurchflutetes Büro mit Blick auf den Babelsberger Park. Dort sitzen sich die beiden Forscher nun gegenüber und überlegen u.a., wie die Kooperationen mit Unternehmen der optischen Technologien aus Brandenburg möglich gemacht werden können (insbesondere im Bereich der Faseroptiken), von denen auch Ministerpräsident Matthias Platzeck bei der Einweihung sprach: Er zeigte sich von der praktischen Orientierung des neuen Hauses angetan und forderte die Wissenschaftler auf, weiterhin Kontakte zur regionalen Wirtschaft zu suchen.

Und was genau macht Roger Haynes nun? Roger Haynes ist ein Experte für die Entwicklung von Anwendungen optischer Fasern und photonischer Technologien in der Astronomie (Astrophotonik) und tauschte seine Leitungsposition für „Instrument Science“ am Anglo-Australian Observatory gegen seine jetzige Stelle als Nachwuchsforschungsgruppenleiter der Vielkanalspektroskopie-Gruppe am innoFSPEC Potsdam ein. Die von innoFSPEC durchgeführten Projekte sind u.a.: die Entwicklung photonischer Filter, die das Hintergrundlicht unterdrücken, das im Infraroten (also in einer längeren als der für das menschliche Auge sichtbaren Wellenlänge) in der Erdatmosphäre erzeugt wird; und die Entwicklung eines miniaturisierten Spektrographen oder eines Spektrographen auf einem Chip (mit dem das regenbogenartige Spektrum weit entfernter Sterne oder Galaxien untersucht werden kann). Diese Geräte haben in etwa die Größe einer Streichholzschachtel und man erwartet, dass sie die Art und Weise, wie Astrophysiker ihre Instrumente für riesige 30-40m große Teleskope der Zukunft (wie das 42 Meter große Europäische Extremely Large Telescope) bauen, komplett revolutionieren werden.

Einer der großen Vorteile seiner Arbeit im AIP ist, dass der Kontakt sich bereits über Jahre entwickelt hat. Die Forscher – von deutscher Seite Dr. Martin Roth und Dr. Andreas Kelz – besuchen sich und tauschen sich aus. Seit rund zehn Jahren besteht die Zusammenarbeit zwischen Australien und Deutschland, man kann inzwischen sogar behaupten, dass so etwas wie Freundschaft aus dem zuerst beruflichen Kontakt wurde. Obwohl gerade das Thema Freundschaft nicht ganz so leicht ist für Haynes und seine Frau, die einen eher lockeren Lebensstil aus Sydney gewohnt sind: „Dort ist es üblich, dass man in eine Kneipe oder ein Café geht und sich am selben Abend noch mit den Leuten vom Nachbartisch angefreundet hat. Selbst unser Metzger war bald unser Freund, als wir in einen Vorort von Sydney gezogen sind.“ Über den Unterschied zwischen „Freunden“ und „Bekannten“ muss er sich also noch mal aufklären lassen ... oder auch nicht!

Überhaupt, Praktisches wie Fleisch und Lebensmittel: Einen guten Bio-Laden sucht er, denn noch sind die Haynes mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und/oder zu Fuß unterwegs und können nicht viele Umwege machen auf ihrem täglichen, sowieso schon recht langen Weg zwischen Wohn- und Arbeitsort. Der lange Weg lohnt sich aber, denn sie wohnen im wunderschönen Wiesenburg in der Mark, da ist ein Schloss zu Wohneinheiten ausgebaut worden, und die Umgebung und der Lebensstil dort sind genau das Richtige für die beiden Naturliebhaber. Die Entfernung nach Babelsberg ist allerdings happig, zwei Stunden, und bei Eis und Schnee konnten die Haynes nicht auf ihr Lieblingstransportmittel zurückgreifen – den Drahtesel: „Wir lieben es, Rad zu fahren, die Gegend zu erkunden, und dass wir das bis jetzt nicht konnten, ist sehr schade.“ Auch deshalb freut sich das seit fünf Jahren verheiratete Paar auf den Sommer: „Wir wollen Berlin und Umgebung auch auf dem Wasserweg erkunden.“ Typisch „Aussie“ möchte man sagen, aber Roger und Dionne Haynes sind nun mal mindestens das Meer vor der Haustür gewohnt, und da hat quasi jeder Spaziergänger (nicht nur am Bondi Beach) ein Surfboard unterm Arm. „Hier haben die Leute eher einen Hund an der Leine“, lacht der Forscher, aber er ist sich sicher, Land und Leuten hier bald näher zu kommen.
Die Entscheidung, umzuziehen, hat das Paar sich zwar nicht leicht gemacht, aber letztendlich wurde es ihnen dadurch erleichtert, dass Dionne Haynes hier ebenfalls arbeiten und forschen kann. Auch, wenn sie ihr altes Zuhause in Australien gelegentlich vermissen, hat sie die Kombination der großartigen wissenschaftlichen Möglichkeiten mit der wundervollen Landschaft in Potsdam schließlich überzeugt. Und auch der freundliche Empfang am AIP und in Wiesenburg hat beachtlich zum Wohlfühlen beigetragen.

Haynes betont immer wieder, dass Berlin und Umgebung für ihn vor allem deswegen so attraktiv sind, weil es hier eine Infrastruktur für seine Arbeit gibt, die auf der ganzen restlichen Welt seinesgleichen sucht. Er sagt das mit großer Überzeugung, denkt man als Laie bei Riesen-Teleskopen ja nicht unwillkürlich an Berlin oder Babelsberg, es fallen einem Stichworte ein wie Chile, Calar Alto oder Hawai ein.

Aber: In Babelsberg sollen nun Instrumente für astronomische Standorte wie die chilenischen Anden oder die Antarktis entwickelt werden.

Und: Dieses weitgereiste Paar strahlt eine dermaßene Zuversicht und Entspanntheit aus, dass man sich auf der Stelle noch mehr des „australian way of life" in Deutschland wünscht.

 

Weitere Informationen zum Zentrum für Innovationskompetenz innoFSPEC finden Sie hier.