Gut ist nie genug

Wilfried Pergande kaufte per Handschlag eine Firma in Sachsen-Anhalt, die heute Weltmarktführer ist. Jetzt sucht er mit Magdeburger Forschern die Technologien von morgen.

Weißandt-Gölzau sucht man vergebens auf dem Ausfahrtsschild der Bundesautobahn 9, auf dem Bitterfeld-Wolfen und Köthen angezeigt werden. Die Umgebung dieser Ausfahrt ist unerwartet. Auch wenn ein Zusatzschild mit dem Begriff „Solar Valley“ nicht zu übersehen ist, rechnet man an dieser Stelle nicht mit einer mehrere Hektar großen Fläche voller Solarzellen. Und dass in einer Region, in der bis 1990 vor allem riesige Schaufelradbagger der Erde rohe Braunkohle entrissen, die in die Großkraftwerke nach Vockerode und Muldenstein transportiert wurde, deren Energie zum Beispiel die ORWO-Filmfabrik in Wolfen und die Chemiewerke in Bitterfeld versorgte. Ein Landstrich früher voller Arbeit und Innovation, mit geschundener und verschmutzter Landschaft, deren Narben heute nur noch in Spurenelementen zu finden sind. Ein Landstrich aber auch voller Kultur. Fast in Sichtweite das Gartenreich Dessau-Wörlitz und die Bauhausstadt Dessau – beides von der UNESCO als Erbe der Menschheit ausgezeichnet. Und Köthen, wo Johann Sebastian Bach nicht nur die Brandenburgischen Konzerte schrieb, sondern nach eigenen Worten die glücklichsten Jahre seines Lebens verbrachte.

Ob auch Wilfried Pergande seine glücklichsten Jahre hier verbracht hat, verrät er nicht gleich. Auf alle Fälle aber seine interessantesten und an Arbeit reichsten. Das sieht man ihm aber nicht an, wenn man in das schon viele Jahrzehnte existierende Gewerbegebiet des anhaltischen Städtchens Weißandt Gölzau einbiegt und von ihm am Empfang begrüßt wird. Diese Herzlichkeit in Sprache und Gestik aber verrät sofort, er ist nicht von hier: „Ich stamme aus der staubigsten Gegend Deutschlands, aus Duisburg! Bin also ein fröhlich dickköpfiger Westfale“, platzt es aus ihm heraus. Frisch gewaschene Wäsche auf die Leine zum Trocknen zu hängen, aber sie vor allem sauber wieder abzunehmen – das war dort schon eine hohe Kunst, die seine Mutter großartig beherrschte, erzählt der heutige Unternehmer aus Leidenschaft stolz.

Auch wenn leise Zweifel aufkommen, aber natürlich war er nicht schon immer Unternehmer. Nach seinem Studium von Maschinenbau und Verfahrenstechnik in Köln, „bei dem ich gleich das erste Semester verhauen habe, weil ich meine Frau kennenlernte, also sie war schuld, aber schreiben’se das so nicht“, begann er als Verkäufer von Aufzügen, Elektrofiltern und Entstaubungsanlagen nicht nur das erste eigene Geld zu verdienen, sondern vor allen Dingen wichtige Erfahrungen über diese Branche, ihre Macher, ihre Stärken und Schwächen zu machen.

„Und jetzt kommt’s!“, Wilfried Pergande muss auch rückblickend noch immer kopfschüttelnd schmunzeln: „Mit einem Startkapital von 6.000 DM Schulden habe ich mein erstes eigenes Ingenieursbüro gegründet. 1974. Tolle Sache.“ Er plante und projektierte Spezialanlagen, unter anderem für die Pharmabranche: „Sie müssen sich das so vorstellen – nachts habe ich konstruiert, morgens habe ich diese Unterlagen zu den Anlagenherstellern gebracht, am Vormittag musste ich mich um den Fortschritt auf der Baustelle kümmern und nachmittags dann die Besprechungen für die nächsten Dinge. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr um Jahr.“ Er war also Forscher und Entwickler, Konstrukteur und Bauleiter – irgendwie alles in einer Person. Sein Blick zurück lässt ihn heute noch staunen.

Dann Mitte der 1980er Jahre der giftigrot gefärbte Rhein in der Schweiz, natürlich mit unübersehbaren Spuren bis in die Bundesrepublik. Die Verursacher handelten rasch und beauftragten einen Spezialanlagenbauer aus Siegen, um mit innovativer Technik diese Katastrophe sich nicht wiederholen zu lassen. Wilfried Pergande wurde als leitender Ingenieur eingebunden: „Dann die nächste Katastrophe – 6 Wochen vor Auslieferung dieser hochmodernen Anlage war die Spezialfirma pleite.“ Was machte Wilfried Pergande: „Ich kaufte die Firma. Es musste doch weitergehen. Über Nacht war ich vom Ingenieurbüro zum Anlagenbauer geworden.“ Die neue Anlage funktionierte übrigens bestens.

Dass es in Deutschlands neuen und östlichen Bundesländern nach der friedlichen Revolution wirtschaftlich nicht nur weitergehen, sondern besser werden müsse, darüber bestand für Wilfried Pergande kein Zweifel: „Glauben Sie mal ja nicht, dass ich keine Ahnung vom Osten hatte. Zum Beispiel fand ich interessant, woran man an der damaligen Technischen Hochschule in Magdeburg forschte – ich sage nur Wirbelschichttechnik. Da wollte ich mehr wissen!“

Der Zufall führte Regie, als er schon im Frühjahr 1990 mit leitenden Mitarbeitern der damaligen ORWO-Filmfabrik in eine Außenstelle nach Weißandt-Gölzau fuhr: „Jetzt verrate ich mal etwas – am Vormittag kamen wir dort an, schauten uns den Betrieb an, lernten einige Mitarbeiter kennen und nach diesen Gesprächen mit den Meistern gab es einen Handschlag, mit dem ich auf einmal eine Firma im Osten hatte. Ich war mir ganz sicher – gut gemacht!“ Wilfried Pergande hält inne, ist ganz zur Ruhe gekommen und macht mit wenigen Bemerkungen sein Herz auf: „Ganz ehrlich, noch nie hatte ich im Arbeitsleben so unaufgeregte, freundliche, kompetente und nach Herausforderungen suchende Männer und Frauen wie hier kennengelernt. Ich bin ja wirklich nicht sentimental, aber das hat mich schwer beeindruckt.“

Heute pendelt Wilfried Pergande zwar noch immer zwischen Sachsen-Anhalt und dem Rheinland, weil seine wichtigsten Kunden noch immer entlang des Rheins zu finden sind. Aber auch auf der ganzen Welt. Schließlich ist er Weltmarktführer in Sachen Entstaubungstechnik. Logisch, dass er darum gern mit den Besten kooperiert. Mit Mirko Peglow zum Beispiel, Junior- Professor an der Otto-von-Guericke-Universität und Experte für Wirbelschichttechnik: „Für mich ist es eine Ehre, mit diesen Magdeburger Wissenschaftlern zusammenarbeiten zu dürfen“, meint Pergande völlig unpathetisch. Und unterstreicht: „Sie haben einfach eine Kompetenz, die uns helfen wird, noch besser zu werden. Das bin ich meinen 150 Mitarbeitern doch schuldig. Oder?“



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