Neue Medizintechnik braucht im Operationssaal mehr Gefühl

„Großer Schnitt = Großer Chirurg“ – dieser Jahrzehnte lang kolportierte Spruch hat schon viele Jahre nichts mehr mit der Realität im Operationssaal zu tun. Ganz im Gegenteil – gerade noch klein wie ein Knopfloch soll der chirurgische Schnitt am Patienten sein. Diese Operationsmethode etabliert sich immer mehr und weltweit zur gängigen Praxis. Sie schont den Patienten und ist für den Krankenhausbetrieb insgesamt effizienter.

Aber sie bringt dem operierenden Arzt auch Schwierigkeiten, die Prof. Dr. Hans Lippert, Leiter der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie am Magdeburger Universitätsklinikum, so beschreibt: „Ein ganz besonderer Aspekt beim Operieren im Bauchraum ist das Tastgefühl des Chirurgen. Nicht umsonst wird dabei oft von heilenden Händen gesprochen. Denn in vielen Situationen reicht das Hinsehen allein nicht aus, da manche Körperteile, gerade im Bauch, verdeckt sind. Hier muss der Chirurg mit seinen Händen und Fingern aktiv werden, muss krankhafte Veränderungen an den Organen ertasten und lokalisieren.“

Durch die inzwischen angewandten minimal invasiven OP-Techniken sei aber dieses Ertasten durch den Chirurgen heute oft so nicht mehr möglich, unterstrich Hans Lippert auf einem Fachsymposium in der sachsen-anhaltinischen Landeshauptstadt Magdeburg.

Diese Veranstaltung war der Abschluss eines sechsmonatigen Innovationsforums, bei dem Ärzte und Techniker, Wissenschaftler und Unternehmer sowie viele Akteure im Gesundheitswesen mit der Entwicklung innovativer Medizintechnik befasst waren, die eine verbesserte Haptik in der Chirurgie möglich machen soll.

Dass dieses vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Innovationsforum gerade in Magdeburg stattfand, war selbstverständlich kein Zufall. Seit vielen Jahren profiliert sich dieser Medizin-Standort durch die Forschung und Lehre der Medizinischen Fakultät der Otto von Guericke-Universität, durch das Zentrum für Neurowissenschaftliche Innovationen und Technologie (ZENIT), durch das Leibniz-Institut für Neurobiologie und nicht zuletzt durch die InnoMed-Initiative, die 1999 im Rahmen des InnoRegio-Wettbewerbs des BMBF mit einer mehrjährigen Förderung ausgezeichnet wurde.

Auf dieser Basis konnten die Macher des Innovationsforums aufbauen, um jetzt am Thema „Haptik in der modernen Chirurgie“ die bestehenden Netzwerke zu erweitern und zu stärken. Besonderen Wert legten sie dabei auf das Einbeziehen von Wissenschaftlern und Unternehmern, die nicht unmittelbar in der Medizin und Medizintechnik tätig sind, also z.B. Spezialisten für Visualisierung, Computersoftware und Robotertechnik.

Professor Hans Lippert forderte: "Wir brauchen Medizintechnik mit mehr Gefühl!".

Detlef Schubert, Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft und Arbeit Sachsen-Anhalts, unterstützte auf dem Fachsymposium den eingeschlagenen Weg: „Ihr Ziel, in und um Magdeburg die Kompetenzen von Wirtschaft und Wissenschaft so zu bündeln, dass hier weltweit neue medizintechnische Verfahren und Produkte entstehen, die modernes Operieren für den Patienten optimal und schonend möglich machen, unterstütze ich ausdrücklich. Die Förderung des Landes, die sie vielleicht dazu brauchen, werden wir organisieren.“ Schubert forderte die Teilnehmer des Innovationsforums auf, Forschung und Entwicklung zu intensivieren. Bisher würden nur 3,7 Prozent der vom Land bereit gestellten F&E-Gelder in die Medizintechnik fließen: „Am Geld wird ihre Initiative nicht scheitern. Das Marktpotenzial für innovative Medizintechnik in der Chirurgie weltweit ist riesig. Diese Internationalität muss unser Fokus sein.“

Manfred Hempe vom Projektträger DLR, der dieses Innovationsforum fachlich begleitete, blickte schon in die Zukunft: „Magdeburg = Medizintechnik. Diese Verbindung in einen Klang zu bringen ist machbar. Die Kompetenzen sind vorhanden, das Miteinander der Akteure gelingt immer besser. Die definierten Ziele können erreicht werden.“

Professor Bernhard Sabel, Prorektor für Forschung und Technologietransfer an der Universität Magdeburg, forderte mehr Brücken zwischen Wissenschaft und Wirtschaft: „Diese zwei Welten noch stärker zueinander zu bringen ist eine wichtige Aufgabe des Innovationsforums. Die Universitäten und Hochschulen sind kreative Quellen, haben moderne Geräteparks, bilden Nachwuchs aus und arbeiten oft interdisziplinär. Also bestes Futter vor allem für die mittelständisch geprägte Wirtschaft in Sachsen-Anhalt.“

Fachlich brachte Georg Passig vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) die wichtigsten Arbeitsaufgaben für die neue Initiative auf folgende Punkte: „Moderne Medizintechnik für die Chirurgie, wie z. B. Roboter im OP, muss einfach menschlicher werden. Mit Hilfe von Online-Messung an den Organen, einer exzellenten Bildgebung, neuen haptischen Möglichkeiten,  einer tadellosen und unaufwendigen Führung der Geräte durch den Chirurgen, wird in den kommenden Jahren die minimal invasive und Roboter gestützte Chirurgie ihren weltweiten Siegeszug fortsetzen.“

 

Nähere Informationen zum Innovationsforum „Haptik in der robotergestützten Chirurgie“ finden Sie hier.